Ein Meilenstein des Horrorkinos - ein Meilenstein des deutschen Stummfilms - ein Meilenstein der Filmgeschichte.
Was hätte ich den Film gerne 1920 bei seiner Uraufführung in Berlin gesehen. Die Menschen müssen sich gefühlt haben, als wären sie unmittelbar in eine düstere Version eines Bildes von Kandinsky, Werefkin oder Franz Marc gezogen worden, als die zeitgenössische Kunst zum ersten Mal in bewegten Bildern vor ihren Augen auftrat. Expressionistische Settings aus verrückter Formensprache mit scharfen Kanten und verzerrten Gegenständen, eine theatreske, ultra ästhetische Bildsprache, faszinierende Figuren und eine bedrohliche Atmosphäre - wo soll man hier bloß anfangen?
Zwei Jahre nach Ende des bis dahin größten Krieges der Weltgeschichte verarbeitet die deutsche Avantgarde sowohl Kriegswirren als auch Aufkeimen des Extremismus in der noch jungen Weimarer Demokratie. Eine Welt der Gegenpole, zwischen Aufbruch und Schock, Sozialer Frage, der Suche nach Verantwortung und kollektiver Amnesie. Daraus entstanden dunkle, bisweilen sogar groteske Meisterwerke wie "Nosferatu", "Metropolis" oder eben "Das Cabinet des Dr. Caligari", Filme die auf ewig Maßstäbe setzen und Liebhaber faszinieren werden. Noch heute wandeln Regisseure auf den Spuren Caligaris, bzw. seines Schöpfers Robert Wiene - ob nun Jennifer Kent in "Babadook", Terry Gilliam in seinem "Kabinett des Doktor Parnassus", Martin Scorsese mit "Shutter Island" oder Tim Burton in "Edward mit den Scherenhänden".
Die Geschichte in 6 Akten um Dr. Caligari, der Arthur Schopenhauer zum verwechseln ähnlich sieht, und seinen Somnambulen Cesare verzückt noch heute mit düsteren Motiven und Freudscher Mystik, die expressionistische Stadt, die wie eine Mixtur aus dem französischen Klosterberg Mont St. Michel und einer Stadtszenerie Ernst Ludwig Kirchners anmutet, verzaubert und verwirrt zugleich. Ein Jahrmarkt mit einem verrückten Schausteller, ein enges Gassen-Wirrwarr in einer verzerrten Stadt, die auch hier, 1920 noch, das Nachwirken der Urbanisierung und die künstlerische Verarbeitung der Anonymität verbildlicht. Zitate wie in Stein gemeißelt erzwingen Gänsehaut auf dem Rücken des Betrachters, genauso im Übrigen wenn Cesare bei Nacht über die an Eschers Treppen erinnernden Szenerien wandelt und Franzis am Rande des Wahnsinns um jeden Preis hinter das Geheimnis kommen möchte, dass die Stadt mit den schockierenden Mordfällen nicht zur Ruhe kommen lässt.
Es gibt diese Filme, über die man tagelang nachdenkt, es gibt diese Filme, nach denen man erschöpft in den Sessel fällt, es gibt Filme, in die man sich verliebt und in denen man sich selbst wiederfindet - und dann gibt es diese Filme wie "Das Cabinet des Dr. Caligari", nach denen man beim Gedanken an den Augenaufschlag Cesares mit einem selbstgerechten Lächeln auf den Lippen Bauhaus auf voller Lautstärke aufdrehen und unbedingt ein Review schreiben muss.
Mein Gott, was liebe ich Filme.
10/10