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Manchmal haben Analyse, Kritik und Wissenschaft uns verdorben. So wie im Bezug auf Das Cabinet des Dr. Caligari. Wieviele Federn wurden wohl zerbrochen, wieviele Seiten beschmutzt, nur um greifbar zu machen, was das Ungreifbare zu betasten versucht? So werden Gründe für die Entstehung gesucht, Auswirkungen der – und auf – die Zeitgeschichte kunsvoll und gekünstelt rekonstruiert oder wie im Fall Siegfried Kracauers bis hin zum pathologischen Zwang in Von Caligari zu Hitler zerrupft und manipuliert und das Werk selbst in der Theorie des Films nur zu oft als Beispiel für die Abkehr von der Realität und damit einem Verstoß gegenüber Kracauers photographischem Reglement des Mediums herangezogen.
Doch wie weit sind unsere Gedanken dabei eigentlich noch bei der Kunst an sich? Ist es nicht Kunst, wie das Ergebnis, ungeachtet aus welchen Händen, eine eben so artifizielle Welt darbietet? Ist es nicht ferner gerade in Zeiten des Hyperrealismus eine ganz besondere Reise in die Fremde und sollte heutigen Zuschauern wieder schmackhaft gemacht werden, anstatt theoretisiert zu werden?

Zugegegeben, für Das Cabinet des Dr. Caligari bedient man sich eines recht einfachen Handlungsbogens. Die Geschichte ist in der Reduktion besehen für sich nicht einmal besonders gut, spektakulär oder im Wesentlichen neu (gewesen). Der Vorteil ist, daß die Wenigsten sich der Vorbilder entsinnen können, die dem 1919 gedrehten Film Pate gestanden haben könnten. Günstigerweise gilt sogar manch Filmwerk heute (in Teilen) als verschollen. Verwiesen sei an dieser Stelle nur darauf, daß Spuren des filmischen Expressionismus schon in Werken wie Homunculus aufzuspüren sind und ein weiterer bedeutender expressionistischer Film – Der Golem – seine 1920er Premiere nicht ohne mehrere Vorgänger feierte. Vielmehr sind natürlich Einflüsse in der expressionistischen Malerei und dem Theater zu suchen.
Aber auch ohne nur einen Anflug von Kenntnis darüber zu besitzen, wird in Das Cabinet des Dr. Caligari eines schnell deutlich: Wir haben es mit einem Erzähler zu tun, auf dessen narrativer Ebene die Bilder ganz anders aussehen, als wir es gewohnt sind. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine einfach Alterung der abgebildeten Realität, wie man etwa über zeitgenössische Mode oder Technologien stolpern könnte. Bei einem minimalen Budget wurde hingegen in voller Imbrunst eine künstliche Welt erzeugt, in der die Geschichte vom Schausteller Dr. Caligari stattfindet, der einen Somnambulen, einen Schlafwandler, mit sich führt, welcher Weissagungen vollbringt.

Während Widerredner und Klienten spontan ableben, verfolgt der Zuschauer eine betont in Kulissen spielende, jedoch durch kontrastierende Bewegung der Figuren und zahlreiche Szenenwechsel nicht bühnenhaft wirkende Handlung. Er versinkt in architektonischer Freigängigkeit, die ein dimensionales Zerrbild erzeugt. Einrichtungsgegenstände befinden sich in falschem Maßstab und setzen sich in ungewohnter Verarbeitung zusammen. Rechte Winkel werden ausgespart. Details wie Plakate sind aufgemalt. Wo sich die Figuren in der Tiefe bewegen, zerstören künstliche Schattenwürfe oder manipulieren Steigungen und verjüngte Linien das räumliche Empfinden.
Den Sets angepasst stark geschminkte Akteure – in Schnitte der Mode des 19. Jahrhunderts gewandet – erzählen gestisch und mimisch, was die ausdrucksstark-eigenwilligen Zwischentitel mit ihren zackigen Linien verschweigen. Der Blick wird geführt von Maskierungen, die rund wie eckig bestimmte Teile des Bildes betonen.
Im Sog der Gestaltung verhaftet erkennt das Publikum schließlich an der umstrittenen Ausgangstüre zur Realität, daß es neben der einfachen Auflösung wahrlich einen Lustwandel durch ein Kabinett des Grauens vollzogen hat, mitten im Kopfe eines Wahnsinnigen. Der Zuschauer ist dabei der plötzlichen Entwicklung auf der Leinwand als Traumstätte wehrlos ausgeliefert gewesen. Eine Erleuchtung, die durchaus Entsetzen und damit Abkehr hervorrufen kann.

Erst rückwirkend mag es jetzt von Interesse sein, wie sich die populären Arbeiten Sigmund Freuds in Das Cabinet des Dr. Caligari wiederfinden. Ansatz, Inhalt und Auflösung streifen immer wieder die Psychoanalyse, den Traum und die Hypnose einschließlich sexueller Konnotation. Es ist daher nicht abwegig, dem mit den Bewußtseinsebenen spielenden Film surrealistische Eigenschaften zuzusprechen.
Für uns heute leider in der Wirkung kaum noch nachvollziehbar verdeutlichen außerdem die in das Filmbild geblendeten Worte “Du mußt Caligari werden” eine Form der geistigen Verwirrung. Dieser Slogan war bereits vor der Uraufführung Teil einer ausgeklügelten Werbekampagne, bei der in Zeitungsanzeigen und auf expressionistisch stilisierten Plakaten ohne jeglichen Bezug zum Film öffentliches Interesse geschürt wurde. Es handelt sich also um ein bis dahin einzigartiges, durchdachtes Gesamtkonzept, welches gelebt wurde und wie uns die Geschichte zeigt mit dem Erfolg dem deutschen Kino zu Schwung und Identität verhalf.

Abseits jeder Theorie ist Das Cabinet des Dr. Caligari auch Popkultur. Die Wiederholung der Schattenspiele in Nosferatu etwa, oder das Verhalten des Somnambulen Cesare, welches sich direkt in folgenden Frankensteinverfilmungen wiederfindet. Bewußt und unbewußt wurde Dr. Caligari Vorbild für verrückte Wissenschaftler und Cesare – ich mußte unlängst feststellen, daß ich mit der Assoziation Conradt Veidts in seiner Rolle mit Typenschattierungen Johnny Depps nicht der Erste bin – stellt eine Schablone für unterbewußt gesteuerte Killer dar. Von der Gestaltung im Film Noir, verschreckt aufgerissenen Augen im Horrorfilm wie etwa bei Fulci, über Szenenbilder bei Burton oder in Musikvideos wie der Red Hot Chili Peppers, es könnte sich eine Flut der Erleuchtung einstellen.
Nicht ohne Grund aber war meine erste Begegnung mit Caligari in Deutschland nicht etwa auf eine Leinwand projiziert, sondern im Nischenprogramm eines kleinstädtischen Hauses mit einer Theateradaption beheimatet. Auf DVD etwa hatte man in Deutschland nicht die Möglichkeit fündig zu werden, während sogar die Veröffentlichung von Kino on Video aus den USA auf einer viragierten Restauration des Bundesarchivs Filmarchiv im Auftrage des ZDF und Arte von 1994 basierte. Auch die spanische Version von Divisa Home Entertainment bot bei gleichem Ursprungsmaterial auch deutsche Zwischentitel. Glücklicherweise wurde inzwischen durch die Transit Film und Universum nachgebessert und der national wie international fachlich überproportionale Beachtung findende deutsche Film erfuhr auch in seinem Ursprungsland Umsetzungen in einer Neurestauration von 2014 auf DVD und Blu-ray.

Nach langer Brachzeit ist das einst von den Nationalsozialisten verbotene und als entartete Kunst gebrandmarkte Denkmal in seinem Heimatland wieder erlebbar. Endlich bieten nicht nur engagierte Festivals einem aus der eigenen Natur heraus selektierten Publikum Zugang, was jedoch den Kontakt zu jüngeren Zuschauern in Grenzen hält.
Gerade diese nämlich könnten Das Cabinet des Dr. Caligari unbeschwert als Kunstform begreifen, da sich die zeitlose Qualität beim gegebenen Reifegrad des Films überhaupt erst beweist. Hier könnten Berührungsängste mit vermeintlich so angestaubten alten Filmen abgebaut werden. Dazu muß man sich freilich darauf einlassen, wie man auch in einem Jahrmarktskabinett seine Freude erst nach dem Durchschreiten des Eingangs finden kann, aber vor allem muß man auf eine lebendige Weise daran teilhaben können. Wichtig ist wie es ist, nicht warum es ist. Bemühe dich Filmfreund, denn es wird belohnt!

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