Review

„Ich muss alles wissen…“

Wer verstehen möchte, wie der Horrorfilm entstanden ist, wird früher oder später bei „Das Cabinet des Dr. Caligari“ landen, jenem legendären deutschen Stummfilm aus dem Jahre 1920. Geschrieben von Hans Janowitz und Carl Mayer und von Robert Wiene („Furcht“) inszeniert, der den verhinderten Fritz Lang ablöste, gilt der Film als Initialzündung des Expressionismus auf der Kinoleinwand und als einer der einflussreichsten Filme für die Entwicklung und Ausgestaltung gruseliger, düsterer Genres.
„Ich muss in sein Geheimnis dringen…“">

„Ich muss in sein Geheimnis dringen…“


Franzis (Friedrich Fehér, „Du sollst nicht richten“) sitzt auf einer Parkbank und erzählt einem anderen, älteren Mann (Hans Lanser-Ludolff, „Die Spinnen“) eine absonderliche Schauergeschichte: In seiner Heimat Holstenwall habe er zusammen mit seinem Freund Alan (Hans Heinrich von Twardowski, „Unheimliche Geschichten“) den Jahrmarkt besucht, auf dem der geheimnisvolle Dr. Caligari (Werner Krauß, „Opium“) den „Somnambulen“ Cesare (Conrad Veidt, „Der Graf von Cagliostro“) ausgestellt habe. Diesen habe Caligare vor den Augen des Publikums aufwecken können, woraufhin er Alan dessen Todeszeitpunkt vorhergesagt habe: Noch vor Morgengrauen! Tatsächlich wird Alan noch in der Nacht ermordet. Ist Cesare der Täter? Der Mörder hat es auch auf Franzis‘ Freundin Jane (Lil Dagover, „Harakiri“) abgesehen. Als Franzis sich schließlich in der Irrenanstalt nach einem Dr. Caligari erkundigt, muss er zu seinem Entsetzen feststellen, dass jener der Leiter der Einrichtung ist…

„Ich muss Caligari werden!“

Der in der von mir gesehenen Fassung 72 Minuten lange Film ist bis ins Detail expressionistisch durchästhetisiert, die schrägen, verzerrten Kulissen wirken der Realität entrückt und beunruhigend grotesk. Die Zwischentitel sind analog dazu künstlerisch handgelettert, farbige Linsen tauchen die Szenen in verschiedene Farbwelten (was diejenigen überraschen dürfte, die Schwarzweißfilm erwarten). Kreisförmige Blenden fokussieren einzelne Gesichter, blenden die Umwelt aus und sorgen für Zoom-Effekten nicht unähnliche Eindrücke. Aufgeteilt in sechs Akte wird man innerhalb der surreal und doch seltsam vertraut anmutenden Welt in Dr. Caligaris sinistre Machenschaften hineingezogen, wobei diese in Form einer ausgedehnten visualisierten Rückblende erzählt werden und im fünften Akt sogar noch eine weitere Analepse etablieren. Das Schauspiel ist theatralisch und das Ende, das zurück zur Rahmenhandlung führt, nicht nur verstörend, sondern auch eine unerwartete Wendung, wie sie sich seither großer Beliebtheit erfreut und sich bis heute immer wieder in Kino und Film findet.

Ausgerechnet um diesen speziellen Kniff gab es keine Kontroverse, denn er sei von den Autoren so nicht vorgesehen gewesen. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ hatte nicht „nur“ als Schauergeschichte funktionieren sollen, sondern war – und auch dies zieht sich bis heute durch den phantastischen Film – von einem starken Subtext untermauert, indem das Verhältnis zwischen Caligari und Cesare dem eines mächtigen Kriegstreibers zu seinem von ihm manipulierten Fußvolk ausdrücken und damit den Untertanengeist der Kaiserzeit kritisieren sollte. Den Autoren, die Regisseur Wiene einen Alleingang unterstellten, und Kritikern zufolge kehrte die finale Pointe diese Aussage um. Mit genügend Abstand betrachtet verhilft gerade jene Wendung dem Film jedoch zu seiner Zeitlosigkeit, verstärkt sie das surreale Erlebnis und erweitert sie das Spektrum angesprochener negativer Emotionen um das paranoide Gefühl der Ausgeliefertheit, bietet also einen echten Mehrwert.

„Das Cabinet des Dr. Caligari“ – die nächste große Genrerevolution brachte erst der Tonfilm.

Details