Review

Miniserie - 8/10

Miniserie

„Misery“ für das neue Jahrtausend?

Zuverlässig mehrmals im Jahr stellt Netflix „die Serie, über die alle reden“, den Serienhype des Jahres, das TV-Erlebnis, das uns dann doch alle lagerfeuerähnlich vereint. Einer dieser „Kassenschlager“ war in diesem Frühjahr „Rentierbaby“, die wahre und nachgestellte Geschichte eines Barkeepers und „Comedian“ in London, dessen ziemliches Loserleben durch eine ungewöhnliche und sehr anhängliche Verehrerin auf den Kopf gestellt wird…

Ich stalke also spinn' ich

Stalkholmsyndrom

„Rentierbaby“ ist sich nicht zu schade oder zu fein, dahin zu gehen, wo es weh tut. Thematisch - mit Stalking, Missbrauch, Depressionen und Selbsthass - als auch mit den Figuren ganz intim, detailliert und hilflos. Mit fast allen Figuren, nicht nur dem Protagonisten. Und weil es zudem auf wahren Begebenheiten beruht und sehr persönlich für den Macher der Serie ist, schmerzt das teils noch mehr und kann auch schockieren in seiner Ehrlichkeit und Ungeschöntheit. Vor allem die brachialen und instinktiven Wechselwirkungen zwischen Opfer und Täter, Liebe und Abhängigkeit, Wahrheit und Masken, Komplimenten und Grenzüberschreitungen, Verlangen und Lust, Liebe und Hass, Erfolg und Misserfolg werden ungefiltert und roh dargestellt. Das ist teils schon eine brutale Abwärtsspirale und ein echter Seelenstriptease. Doch wie das Leben eben so spielt, ist auch „Rentierbaby“ trotz aller Dunkelheit nicht ohne Humor und Wahnsinn, nicht ohne Widersprüche und WTF?!-Momenten, nicht ohne Antiwitze und (Un)Happy Endings. Stark gespielt von allen Beteiligten, die kurze Episodenlänge tut gut, ein paar tolle Songs gibt’s obendrauf und eine zerklüftete Hauptfigur voller Grautöne und Fehler ist eines der TV-Highlights des Jahres. Selbst wenn einem Donny auch oft genug richtig auf den Zeiger gehen kann… die meiste Zeit fiebert man doch mit ihm mit oder hat zumindest Mitleid. Und selbst zu seiner „Verfolgerin“ sieht die Gefühlslage gar nicht so unähnlich aus. Und gerade diese Ambivalenz und menschlichen Makel machen „Rentierbaby“ semi-dokumentarisch zu einem bissigen Zeitdokument einsamer Menschen. 

Mein dunkler Schatten

Fazit: teils verdammt gruselig, verdammt anders, verdammt mutig und ehrlich - über „Rentierbaby“ reden zurecht alle und Netflix hat den neuesten, kreativen und fiesen Winner auf der Hand. Selbst wenn die Geschichte etwas unbefriedigend ausfizzelt und der starke Beginn inklusive etlicher Möglichkeiten im Verlauf nicht mehr erreicht wird. (8/10)

P.S.: Da letztens die News liefen, dass viele der echten Beteiligten rund um „Donny“ Netflix und diese Produktion verklagen, vor allem die Stalkerin selbst, sollte man vielleicht schneller reingucken als gedacht, da „Rentierbaby“ bei Klageerfolgen vielleicht nicht ewig auf Netflix abrufbar sein könnte… 

Details
Ähnliche Filme