Es gibt durchaus einige Parallelen zu den beiden deutschen Serienmördern Fritz Haarmann und Karl Denke. Beide wurden vor ziemlich genau 100 Jahren gefasst, also 1924 und sie gerieten jeweils eher zufällig ins Visier der Polizei. Haarmanns Geschichte wurde 1995 als „Der Totmacher“ mit Götz George verfilmt und weist wie vorliegender Streifen deutliche Züge eines Kammerspiels auf.
Münsterburg in Schlesien, Dezember 1924: Wanderer Olivier (Rene Anlauff) ist dankbar, kurz in der Wohnung von Karl Denke (Rolf Bach) unterzukommen. Eher zufällig bekommt er mit, wie dieser ihn von hinten erschlagen will. Kurz darauf befindet sich Denke im Verhör durch einen Polizisten (Michael Ransburg), der ihn mit einem Büchlein konfrontiert, in welches Denke 30 Namen notierte…
Seinerzeit wurde recht viel über Haarmanns Taten berichtet, während der Fall Denke schnell in Vergessenheit geriet, zumal die Taten erst nach und nach aufgedeckt wurden.
Die Geschichte konzentriert sich auf zwei wesentliche Aspekte: Einerseits die Befragung, andererseits die Taten, von denen nur einige beispielhaft untergebracht wurden.
Sensible Gemüter dürften bereits bei dem Herumspielen mit rohen Fleischstücken und Hautlappen, die teils als Hosenträger umfunktioniert wurden, Probleme bekommen, doch allzu explizit sollte man sich das Zerteilen der Opfer nicht ausmalen, da dies das Budget auch gar nicht hergegeben hätte. Durch die Konzentration auf die kleine Wohnung des Titelgebenden entsteht dennoch eine Stimmung des Unausweichlichen, was gleichermaßen auf die Atmosphäre im Verhörraum zutrifft.
Man lernt Denke als einen stillen und zuvorkommenden Typen kennen, der das Verarbeiten von Menschenfleisch als etwas Selbstverständliches ansieht. Genauere Beweggründe sind bis heute nicht bekannt geworden, doch der theologisch-philosophische Ansatz der Erlösung durch das Fleisch und Blut Christi scheint hier in einer Phase der Rückblenden doch arg weit hergeholt. Zwar macht man es sich mit einigen Flashbacks in eine von Aggression geprägte Kindheit recht einfach, doch als Grundstock des Bösen ist dies immerhin ein Ansatz.
Letztlich gestalten sich die Parts des Verhörs deutlich spannender als das Gekröse in Denkes Wohnung, da der Ermittler zunächst recht geschickt und zurückhaltend vorgeht, um ihn aus der Reserve zu locken. Doch auch dieser gerät an seine Grenzen, da Denke immer ein wenig ausweicht und nie über etwaige Opfer spricht. Dabei wird die Konfrontation mit diversen Indizien immer konkreter, während die Erzählung im letzten Drittel erstmals die Räumlichkeiten verlässt, um in einem Waldstück ein nicht unwesentliches Kapitel zu durchleuchten, bei dem zwei weitere Personen direktes und indirektes Opfer durch Denke werden.
Das kammerspielartige Treiben funktioniert über weite Teile recht gut, zumal handwerklich nichts auszusetzen ist, der sparsam eingesetzte Score den passenden Ton angibt und die Darsteller ordentlich performen. Zwar ist Hauptdarsteller Rolf Bach mindestens 20 Jahre zu jung für den 64jährigen Denke, doch er performt mit einer ordentlichen und nie übertriebenen Präsenz, zumal der Kannibale zu keiner Zeit überheblich oder gar mit Demonstration von Macht in Erscheinung trat. Ransburg ist ebenfalls überzeugend als Ermittler, der ein psychologisches Spiel mit seinem Gegenüber anzettelt und dabei selbst an seine Geduldsgrenzen gerät.
Neue Erkenntnisse gewinnt man mit dem Streifen über den Serienkiller Karl Denke zwar nicht, doch es zeigt einmal mehr, mit welch einer erschreckenden Selbstverständlichkeit ein üblicher Arbeitstag solcher Leute ablaufen kann. Ist zumindest einen Blick wert.
6 von 10