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Staffel 1

Mordalarm in Stockholm: ein Jugendlicher wurde mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Das schwerstverletzte Opfer, der erst 14-jährige Somalier Bilal "Billy" Ali (Yasir Hassan), kann noch auf die Intensivstation gebracht werden, wo er unter den fassungslosen Blicken seiner herbeigeeilten Familie im Koma liegt. Doch er wird den nächsten Morgen nicht mehr erleben.
Nicht weit davon entfernt, auf einer Wache, sitzt Polizist Farid Ayad (Ardalan Esmaili) dem Täter gegenüber: es ist der ebenfalls erst 14-jährige Douglas "Dogge" Arnfeldt (Olle Strand). Dogge ist völlig neben der Spur, er ist fahrig und zittert, steht sichtlich unter Tabletteneinfluß. Trotzdem die Ermittler blutbefleckte Kleidungsstücke bei ihm gefunden hatten und er kein Alibi hat, mauert Dogge: er sei strafunmündig und die Polizei könne ihn gar nicht einsperren, wiederholt er ein ums andere Mal. Es klingt wie ein auswendig gelernter Satz. Farid kennt Dogge, und er kennt auch das Opfer Billy. Seit vielen Jahren. Er weiß, daß die beiden Buben zusammen aufgewachsen sind und immer beste Freunde waren. Und jetzt schießt Dogge seinem besten Freund in den Kopf. Was war da nur passiert?

Regisseurin Anna Zackrisson beginnt ihr Sozialdrama I dina händer mit einem Mord, schildert dann die Folgen für die Betroffenen und zeigt zwischendurch in zahlreichen Rückblenden die Entstehungsgeschichte der Bluttat. Das Hauptaugenmerk der Serie konzentriert sich auf das soziale Umfeld der beiden Kinder, unter welchen Bedingungen diese aufwuchsen und wie sie in die gnadenlose schwedische Straßenkriminalität abrutschen, beleuchtet jedoch auch Aspekte, die zeigen, wie ein solcher Mord auf die Angehörigen und Hinterbliebenen wirkt.

Die familiären Verhältnisse von Billy und Dogge unterscheiden sich dabei grundlegend: der dunkelhäutige Billy wurde in Stockholm geboren, hat noch 3 jüngere Geschwister und wohnt bei seiner alleinerziehenden Mutter Leila (Yusra Warsama), die nach der Trennung vom Vater alleine für die Familie aufkommen muß. Früh freundet er sich mit Dogge an: die beiden gehen in dieselbe Schulklasse und sind ein Herz und eine Seele. Dogge hatte stets ein gutes Verhältnis zu seinem Vater, der seine Freundschaft mit dem Somali förderte - dann jedoch an Krebs erkrankte und verstarb. Dogges Mutter kam mit diesem Verlust nie klar, ist seither ein psychisches Wrack und nicht mehr in der Lage, irgendwelche Erziehungsaufgaben wahrzunehmen - und auch Dogge ist seelisch schwer getroffen vom Tod seiner einzigen erwachsenen Bezugsperson. Er greift irgendwann zu Tabletten, und die bekommt er auf der Straße.
Die grassierende Jugenkriminalität in Schweden macht auch vor den beiden Freunden nicht halt - zuerst sind es kleinere Gefallen, dann jedoch werden sie unter erheblichem körperlichen und psychischem Druck zu Straftaten gedrängt. Der lokale Dealer, der die strafunmündigen Kinder rekrutiert heißt Mehdi, ist selbst Afrikaner und kaum 20 Jahre alt. Mit Goldschmuck als sichtbarem Statussymbol behängt, dirigiert er Billy und Dogge, die schon bald zwei Handgranaten erhalten, mit denen sie einen ihnen Unbekannten in dessen Auto eliminieren sollen. Doch während Dogge still leidend unter immer größerem Tablettenkonsum tut was man ihm befiehlt, möchte Billy aussteigen. Der Wunsch seiner Mutter, zumindest seinem kleinen Bruder Tusse ein Vorbild zu sein, ist stärker als die Angst vor Mehdi und seinen Freunden. Noch...  
Völlig zwischen allen Stühlen sitzend agiert Farid, der (nicht nur) diese beiden Jugendlichen bestens kennt - ohne ihnen wirklich helfen zu können - sondern dem auch durch die Gesetzgebung die Hände gebunden sind: verbissen versucht der engagierte Polizist mit Migrationshintergrund, vor Gericht verwertbare Indizien gegen Mehdi zu erhalten, um diesen wegsperren zu können - doch niemand ist bereit, auszusagen...
 
I dina händer (übersetzt "In Deinen Händen"), deutscher Titel "Mit zitternden Händen" bzw. englisch "Deliver me" beschreibt in nur 5 Episoden zu jeweils etwa 40 Minuten das Schicksal zweier befreundeter Jugendlicher, die aus unterschiedlichsten Verhältnissen stammen und doch beide dasselbe Los teilen. Ein deutliches Plus ist auch die Ambivalenz sämtlicher Filmcharaktäre, von denen keiner absolut schlecht oder schuldig dargestellt wird.
Die jungen Darsteller agieren absolut glaubwürdig, der Plot ist (mit einigen kleineren Schwächen) nachvollziehbar, aber das Traurigste an der Serie, die in schonungsloser Offenheit und ohne moralisierenden Zeigefinger diese kontinuierliche Abwärtsspirale beleuchtet, ist die völlige Ausweglosigkeit, aus der es für keinen der Beteiligten ein Entrinnen gibt - man achte hier auf die letzten kurzen Szenen.

Eine alptraumhafte, häßliche Realität, die man gerne verdrängen würde und die den geneigten Zuseher über das Filmende hinaus beschäftigt - eine starke Leistung aus Schweden: 8 Punkte.

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