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Staffel 1

Sie war das erste chinesische Waisenkind, das kurz nach dem Millenium adoptiert seitdem im spanischen Santiago de Compostella aufwuchs: Yong Fang, fortan Asunta Basterra genannt. Ihre Adoptiveltern waren damals Rosario Porto (Candela Peña) und Alfonso Basterra (Tristán Ulloa), ein finanziell unabhängiges Ehepaar, das sich aufgrund ihrer Kinderlosigkeit zu diesem Schritt entschied. Doch dies ist lange her: Im Herbst 2013, kurz vor ihrem 13. Geburtstag, wurde Asunta, nachdem sie kur davor von den Eltern als vermißt gemeldet wurde, nachts tot an einer Straße aufgefunden.
Wer ist für diese schreckliche Tat verantwortlich? Die polizeilichen Ermittlungen ergeben, daß Asunta offenbar gefesselt war, außerdem hatte sie eine große Menge eines Schlaf- bzw. Beruhigungsmittels im Blut. Der leitende Ermittler der Guardia Civil, Juez Malvar (Javier Gutiérrez), tappt im Dunkeln, doch als er Unstimmigkeiten in den Aussagen der befragten Eltern entdeckt, schöpft er Verdacht und ist recht schnell von deren Schuld überzeugt. Diese zu beweisen sieht er als seine vordringlichste Aufgabe und setzt sich dabei auch gerne über sonst übliche Gepflogenheiten hinweg. Rückendeckung erhält er dabei von bald der gesamten spanischen Boulevardpresse, für die der Fall ein gefundenes Fressen ist...

Ein weiterer True-Crime aus dem Hause Netflix, mit El caso Asunta diesmal der Fall eines ermordeten Kindes, der seinerzeit große Wellen in Spanien schlug. Bereits mehrfach verfilmt, hat das Regisseursduo Carlos Sedes / Jacobo Martínez aus den bereits bekannten Fakten eine insgesamt 6-teilige Serie mit über 5 Stunden Laufzeit gemacht, in der zunächst alle möglichen Indizien zusammengetragen werden, bevor mögliche Tatverläufe präsentiert werden. Dabei kommen diverse Freunde, Bekannte, Bedienstete, Lehrer, zufällige Zeugen etc. zu Wort, was dem nicht voreingenommenen Publikum (im deutschsprachigen Raum fand das Verbrechen kaum Widerhall) die Möglichkeit bietet, sich selbst ein Urteil zu bilden. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt, denn obschon die spanische Gerichtsbarkeit beide Eltern schlußendlich des Mordes für schuldig befand und zu langen Haftstrafen verurteilte, blieben gewisse Zweifel zurück.

In dieser Hinsicht ist El caso Asunta dann wieder problematisch, denn er bildet nicht wie so oft eine Fiktion ab, die sich ein schlauer Drehbuchschreiber ausgedacht hat, sondern beschreibt die Wirklichkeit, die das beliebte whodunit-Prinzip als Ratespiel ausschließt. Und im vorliegenden Fall gab es in der Tat Ungereimtheiten, die - wie so oft - Anlaß zu Spekulationen, ja zu Verschwörungstheorien bildeten. Sei es eine Zeugenaussage, nach der die Mutter ohne Kind gesehen wurde (obwohl es eigentlich dabei sein hätte müssen), seien es unscharfe Bilder einer Verkehrskamera, die nicht ganz eindeutig einen Beifahrer im Wagen der Mutter zeigen oder sei es ein Einkaufsbon, dessen Zeitstempel möglicherweise nicht ganz korrekt eingestellt eine falsche Uhrzeit auswies, es gibt viele dieser kleinen Details, die gewisse Zweifel an der Schuld der Eltern hinterlassen.

Eine neutrale Beurteilung erschwert auch der Umstand, daß die Serie nicht mit Laiendarstellern, sondern in Spanien sehr populären Filmschauspielern gedreht wurde, deren Darstellungsvermögen das Urteil des Zuschauers, bedingt durch allfällige Sympathiewerte für deren frühere Rollen, ein weiteres Mal beeinflussen. So spielt beispielsweise Javier Gutiérrez einen veritablen Stinkstiefel, der die beiden Eltern einfach nur fertigmachen will, während seine Exekutivbeamten Rios und Cristina deutlich behutsamer vorgehen und soweit wie möglich neutral zu agieren versuchen.
Den deutlich fordernsten Part spielt Candela Peña in der Rolle der Mutter, die bereits ganz zu Beginn möglicherweise Beweismaterial verschwinden lassen will, dabei aber ertappt wird. Als Erste noch während des Begräbnisses ihres Adoptivkindes verhaftet, ist sie fortan mehr oder weniger ein Nervenbündel, was sie zwar authentisch rüberbringt, dem an Indizien interessierten Zuschauer mit ihrem ständigen Geheule und Gejammer aber schnell auf die Nerven geht. Leider verabsäumt die Serie, die Hinz und Kunz ausführlich zu Wort kommen läßt, den Fokus mehr auf die beiden Eltern zu setzen - was diese in ihrem Innersten über den Mord denken und fühlen, findet praktisch keinen Niederschlag - genausowenig wie das titelgebende ermordete Kind, dessen Entwicklung praktisch außen vor bleibt.
Dafür wird die um Schlagzeilen buhlende Presse, die zahlreiche durchgesickerte Interna gierig verwertet, umso deutlicher hervorgehoben, deren Vorgehen somit größtenteils negativ dargestellt, doch zu einer Verurteilung kann sich das Drehbuch dann doch nicht durchringen.

Fazit: Der Fall Asunta bietet für Uneingeweihte reichlich Fakten, über die sich auch ganz trefflich spekulieren läßt, fügt der Geschichte insgesamt jedoch keine neuen Aspekte hinzu und ist insgesamt zu lang geraten (einen ausführlicheren, neutralen Überblick bietet z.B. die englischsprachige Wiki-Seite). Für die teils bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen dieses strenggenommen immer noch als cold case zu betrachtenden Falles gibt es 5 Punkte.

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