Nach bereits richtungsweisenden Künstlerporträts für das Fernsehen und den zwei Kinofilmen "French Dressing" (1964) und "Billion Dollar Brain" (1967) nimmt "Women in Love" eine ganz besondere Stellung in Russells Gesamtwerk ein. Hier nimmt sich Russell zum ersten Mal in einem Spielfilm D. H. Lawrence an, von dem er später noch "The Rainbow" (1989) und "Lady Chatterley" (1993) verfilmen wird, genehmigt sich erstmals aufsehenserregende Extravaganzen was Motivwahl und Inszenierungsstil betrifft und die zudem in einer Szene auch schon in die Richtung der Musikerporträts "The Music Lovers" (1970), "Mahler" (1974) und "Lisztomania" (1975) streben.
Im Film geht es weniger um die wie bei Lawrence titelgebenden liebenden Frauen, sondern eher um die zwei Männer der Geschichte: um Gerald Crich (Oliver Reed) und besonders Rupert Birkin (Alan Bates). Gerald ist der meist dezent herrisch auftretende Sohn eines wohlhabenden Bergwerksbesitzers, der nach eigener Aussage für die Arbeit und das Leben an sich lebt, sich aber dennoch Gedanken um die große Liebe eines Lebens macht, die ihn mehr beschäftigt, als er sich selbst gegenüber eingesteht - Gerald ist es gewohnt, die Kontrolle zu besitzen (was er bei einem Ausritt auf sadistische Weise an dem auf ihn horchenden Pferd austestet) und unterdrückt seine Gefühle zugunsten eines genau geregelten Lebens.
Rupert hingegen sieht in der Liebe die wahre Antriebskraft im Leben, hat seine große Liebe jedoch nicht gefunden, auch wenn er schon längere Zeit mit und bei Hermione lebt, eine reiche Perfektionistin, ein Verstandsmensch, dem unreflektiertes, rein sinnliches Genießen völlig fremd ist und der jede Freizeitgestaltung genauestens durchplant.
Freilich ist ihre Beziehung auf kurz oder lang zum Scheitern verurteilt und das Scheitern setzt ein, als Rupert ihr auf einer Feier ihren Tanzauftritt (und den der Schwestern Ursula und Gudrun Brangwen) durch spontanes Eingreifen ruiniert. Es folgt eine Grundsatzdiskussion samt Gewaltausbruch, dem Rupert ins Freie, in die Natur entflieht, wo er vollkommen entkleidet in die Natur eintaucht...
Zu Beginn des im England der 20er Jahre angesiedelten Films wohnen [Achtung: Spoiler!] Gerald und Rupert der Hochzeit eines jungen Paares bei, das später im Film in einem Teich ertrinken wird - Geralds scheinbar berechtigter Verdacht, die Frau habe den Mann mit in den Tod gezogen, bestätigt auch Ruperts Sicht auf die traditionelle zweigeschlechtliche Zweierbeziehung, gegen die er sich im Verlauf der Geschichte immer stärker auflehnen wird: in dieser bringt die Frau den Mann um sein Leben (in diesem speziellen Fall sogar wortwörtlich).
Der Hochzeit wohnen - aus einiger Entfernung - auch die Schwestern Brangwen bei, die sich nicht entscheiden können, ob es nun ergiebig ist, sich auf einen Mann einzulassen oder nicht. Im Verlauf des Films kommen sich jedoch Gudrun (Glenda Jackson, die sich hiermit einen Oscar sicherte) und Gerald ebenso näher, wie sich Rupert und Ursula (Jennie Linden) näherkommen.
Doch Rupert mag sich mit der neuen Partnerschaft nicht zufrieden geben: nach einem deutlich homoerotischen, sportlichen Ringkampf zwischen ihm und Gerald (beide nackt, schwitzend, vor flackerndem Lagerfeuer - eine ungemein schön gefilmte, perfekt montierte Skandalszene von hochintensiver Sinnlichkeit, die den Kampf wie ein Liebesspiel aussehen lässt) kann er seine Gefühle verbal ausdrücken - er will mit Gerald eine Art Blutsbrüderschaft schließen, ihm körperlich so nahe sein wie geistig. Gerald fordert jedoch Bedenkzeit, entzieht sich später jedoch - auch dem Angebot Ruperts, ihn aufrichtig zu lieben.
Rupert, der hier die sexuelle Revolution vorwegdenkt und repressive Moralvorstellungen und durch den Verstand bedingte unnütze Schamgefühle zu überwinden trachtet und dem sogar eine gerechte Verteilung aller Güter vorschwebt sowie ein Nomadenleben, dass an keinen festen Grund und Boden gebunden ist, kann sich seine Traumwelten jedoch nicht erfüllen. Am Ende des Films bleibt ihm nur Ursula, die ihm zwar gibt, was eine Frau ihm nur geben kann, aber eben auch nicht mehr als das.
Gerald hingegen bleibt am Ende nichts: als Rupert und Ursula ihre Hochzeitsreise in die Alpen mit ihm und Gudrun zusammen antreten, entzweit er sich zunehmend von Gudrun. Seine Kontrollsucht, die keinerlei Widerstand gewohnt ist, kann sich nicht an Gudruns emanzipiertes Auftreten anpassen: ihre Beziehung kriselt, Gudrun gibt sich dem kauzig-exzentrischen und sadistisch-nihilistischen Herrn Loerke (wunderbar: Vladek Sheybal), einem Künstler aus Deutschland, hin und Gerald, der seine Niederlage nicht verkraften mag und sich bei dem Versuch, Gudrun aus Eifersucht zu erwürgen, ertappt und unter diesem Moment der Selbsterniedrigung leidet, stapft mit einem Ausdruck völliger Leere in die weite Schneelandschaft und den Tod.
Rupert, der mit Gerald auch seine Hoffnung auf die Erfüllung seiner Lebensphilosophie verloren hat, ahnt, dass die Katastrophe nicht zustandegekommen wäre, hätte Gerald seine Liebe annehmen können, die einen neuartigen Lebenssinn ermöglicht hätte... Geralds Konzentration auf Gudrun endet tödlich, weil sie das Annehmen der Liebe Ruperts überhaupt nicht zulässt und mit ihr gleich alles aus Geralds Leben verschwindet, denn die Arbeit und das Leben an sich genügen ihm nicht (wie er mittlerweile erkennen musste) und eine alternative, parallel geführte Liebe mochte er nicht akzeptieren. Geralds Lebensphilosophie, ein Mix aus Kontrolle und Sittlichkeit, der Wunsch die Gefühle zu kontrollieren und die Unfähigkeit sich fallen zu lassen führt in die Katastrophe, als seine Gefühle schließlich darunter leiden und er sie nicht mehr in den griff bekommt, Ruperts Lebensphilosophie bleibt zwar unerfüllt, verhindert aber aufgestaute und unterdrückte Emotionen, mit denen sein Denken immer im Einklang steht, und schafft ihm so einen überlebenswichtigen Freiraum.
Russell treibt seinen Film nicht nach den Gesetzen traditioneller Dramaturgie voran: mal - etwa zu Beginn - schreitet der Film sprunghaft voran und präsentiert in kurzer Zeit soviele Figuren, dass man als Zuschauer fast schon überfordert ist (solange man den Stoff nicht schon vorher kennt), mal verharrt er in Momentaufnahmen, im Genießen eines Augenblicks oder im Vortragen der eigenen Lebensmodelle. Sein Interesse gilt den Denkweisen seiner Figuren, wobei seine Sympathien ganz auf der Seite Ruperts liegen, der auch schon Lawrences Alter Ego war.
So ungwöhnlich wie der vielen Zuschauern sicherlich als unrhythmisch auffallende Handlungsablauf ist auch die Inszenierung, wenngleich Russell sich hier noch nicht so austobt wie in seinen späteren Filmen. Neben dem Ringkampf wäre etwa eine Liebesszene zwischen Rupert und Ursula zu nennen, bei der das um 90 Grad gekippte Bild in Zeitlupe abläuft, der Tanz in Hermiones Anwesen, eine Szene in der Gudrun tanzend einige Rinder vor sich herscheucht, vor allem aber das bizarre Liebespiel zwischen Loerke und Gudrun gegen Ende des Films: Wenn Loerke, der vor jeder Wiederholung beim Liebesspiel warnt, in einem Rollenspiel in die Rolle des großen schwulen Komponisten Tschaikowski schlüpft und in seinem kleinen Zimmer mit Gudrun dessen Hochzeitsreise in der transsibirischen Eisenbahn antritt, dann erreicht Russell hier erstmals eine wilde, hemmungslos ausgelassene Mixtur von grotesken Motiven und eine bemerkenswerte Bild-Ton-Komposition, die nahezu all seine Spielfilme bis in die späten 80er Jahre durchzieht und auch danach noch hin und wieder zu finden war.
Zudem bietet dieser kleine Höhepunkt des Films auch einen kleinen Vorgeschmack auf Russells nächsten Film, "The Music Lovers", der sich dem Leben und Sterben Tschaikowskis widmet und mit seinem grausamen, bitteren und bizarren Ende wohl der anrührendste, schmerzhafteste aller Russell-Filme geworden ist.
Alles in allem ein noch vergleichsweise ruhiger Russell, der aber bereits alles andere als konventionell ist; eine interessante, aussagekräftige Geschichte in eigenwilliger aber immer überdurchschnittlich solider Inszenierung, in der fast alle Darsteller mit größeren Rollen zu wahren Höchstleistungen auflaufen. (Übrigens bekleidet auch der leider nie genug gewürdigte Horrorstar Michael Gough eine Minirolle.)
Neben Russells zwei darauffolgenden Filmen "The Music Lovers" und "The Devils" (1971) ist "Women in Love" zu den besten Regieleistungen Russells zu zählen. 10/10.