Review

So fresh & so dirty!

Eine mexikanische Anwältin macht von sich reden und wird von einem gefährlichen Kartellboss engagiert, um seinen erforderlichen Neustart in einem neuen Land unter neuer Identität und mit neuem Geschlecht (!) zu organisieren - was die Powerfrau in mehrfacher Hinsicht und über Jahre an die Grenzen ihrer Belastung bringt… 

Gangster, Gesang & Geschlechtsumwandlungen

Umso weniger man über „Emilia Pérez“ weiß, desto besser wird das Erlebnis. Nicht unbedingt vom Inhalt, obwohl der „Gender Swap“-Aufhänger im Gangstergenre natürlich auch etwas hat. Doch vor allem formal meine ich. Musicalnummern, Genrecocktail, Zoe Saldana gut und mutig wie noch nie, frische Gesichter, fast Almodovar-eske Vibes, Stylegewitter, Melodrama, selbst Selena Gomez schadet nicht. „Drive“ trifft „M. Butterfly“. Das dürfte auf dem Papier und dann auch in der finalen Mischung für viele nicht zusammenpassen. Ich war jedoch durchgängig fasziniert und beeindruckt von Audiards Mut (selbst wenn es kein neuer „Un Prophete“ ist, aber was kommt da schon qualitativ ran…). Und von allen Beteiligten. Gerade in der heutigen, oft grauen und safe heruntergespielten Filmlandschaft ist ein solcher Einsatz schon erstaunlich erfrischend und erinnerungswürdig. Und das Experiment geht für mich auch auf. Einige Musiknummern sind echt gut und einfallsreich, bizarr, bunt und witzig. Bei dem Transgenderthema kann man viel falsch machen (wofür sich Audiard glaube ich auch schon einiges anhören musste, Stichwort „Körperhägeruch“). Und im Grunde sagt das alles vollkommen ohne Schutzschild oder Sonnencreme eine Menge über die Dualität der Gesellschaft - und vor allem auch Mexikos. Religion und Gangster. Männer und Frauen. Gefühle und Geschlechter. Vergangenheit und Zukunft. Verzeihen und Instinkt. Werte und Wesen. Mord und Mutter. Eifersucht und Freiheit. Eierstöcke und Eier. Umarmung und Kopfschuss. Auftragsmörder und Anwälte. „Emilia Pérez“ ist ein Weihnachtsbaum der Ideen und Themen. Hell beleuchtet, manchmal etwas kitschig, doch unübersehbar und mit Strahlkraft. Ein absolutes Original. 

Fazit: einer der freshsten und ungewöhnlichsten, überraschendsten und wagemutigsten Filme des Jahres. „Sicario“ trifft auf „Mrs. Doubtfire“. Mit viel Musicalmuskeln. Das ist bizarr. Das ist stylisch. Das ist anders. Und ich habe jede Minute genossen! 

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