Review

Die Kritik, der sich Jaques Audiards Film ausgesetzt sah über die Art der Inszenierung des Landes, kann ich kaum bewerten. Gleiches gilt für die Kritik, die aus der Community kam, die sich hier (oder eben nicht oder falsch) repräsentiert sieht. Mag sein, aber seit wann hat Kino den Anspruch auf die Abbildung der Realität? Letztlich ist es Audiards Sicht auf die Geschichte, in welcher er das Umfeld eines Kriminellen wählt, was zugegebenermaßen einen klischeehaften Blick auf die Gesellschaft beinhaltet.
Man folgt dem Drogenbaron Manitas, dessen Wunsch nach einer Wandlung zur Frau Gestalt annimmt. Er erhält dabei Unterstützung von der Anwältin Rita, die mit ihrer eigentlichen Tätigkeit hadert und ebenfalls nach einer Veränderung sucht – auf andere Art.

Man merkt, dass Audiard sich dem Thema mit einem gewissen Ernst nähert. Ich weiß auch nicht, wo die Einordnung „Comedy“ auf einschlägigen Seiten herkommt. Humorvoll bis albern wirkt der Film zumindest nicht (Kliniksong? Anm. d. Red.), die zentralen Themen geht er ohne einen Sinn für Überspitzung an. Am Ende bleiben aber ein paar Fragezeichen.
So erschließt sich mir nicht, warum es hier ein Musical braucht. Klar, die Form der Präsentation ist den Schaffenden überlassen. Aber die Songs, die hier geboten werden, reißen einfach nichts. Dies auch, weil der Gesang zu oft von Leuten vorgetragen wird, die ohrenscheinlich kaum singen können und der Vortrag eher gesprochen oder brüchig gesäuselt wird. Für mich klang das meist wie ein hilfloser Versuch denn ein gekonntes Intonieren, wobei manche Nebenfiguren durchaus Können beweisen.

In der Erzählung tritt „Emilia Pérez“ auf bereits selbst angesprochenen Pfaden herum und schafft es gleichzeitig, Themen anzureißen, sie aber nicht ausreichend zu besprechen. Die Konflikte sieht man teils meilenweit kommen, die Dramaturgie erinnert an die Seifigkeit einer Telenovela, nur eben aufgeblasener. Vielleicht wäre Ritas Perspektive auf die Geschichte interessanter gewesen, wobei Emilia als wiederholte Initiatorin von Ereignissen hätte fungieren können. Nicht, dass die Geschichte mit dem Wunsch nach und die Durchführung der Transition keinen Stoff hergibt. Aber so richtig will der Film dann in diese Ebene nicht abtauchen und beleuchtet für mich zu wenig die Person von Manitas / Emilia. Die Transition selbst wird unproblematisch in wenigen Szenen abgehandelt, Zeitsprung, fertig. Problematisch ist da eher der hier erzählte Automatismus der inneren Veränderung, in der Persönlichkeit. Das will sich mir nicht erschließen, doch Audiard verkauft einem das dann in der restlichen Laufzeit.

Und hier schlingert „Emilia Pérez“ dann herum, plätschert unrund an mir vorbei und ist somit weniger mitreißend als wohl beabsichtigt. Das allerdings nur aus der Perspektive eines Filmschauers, der in den Themen nur passiv drinsteckt. Das mag jedes Individuum für sich anders entscheiden.
Visuell bietet Audiard durchaus Ideen, die Kamera wirkt immer wieder dynamisch, wenn sich auch nicht jeder Zoom erschließt. Darstellerisch ist es, sieht man vom Gesangstalent ab, in Ordnung. Karla Sofia Gascón und Zoe Saldaña stehen im Zentrum, beide haben szenenweise ein kraftvolles Spiel zu bieten. Ändert wenig an den schwach geschriebenen Figuren. Bei der von Selena Gomez verkörperten Jessi spürt man keine Mutterrolle und Rita will doch alles besser machen, am Ende ist es dann aber doch die Kohle.

„This is my only hope to live my own life.“

Hat mich weder erzählerisch noch musikalisch erreicht. Letzteres variiert immerhin stilistisch etwas, die Gesangsleistungen überzeugten in meinen Ohren allerdings nicht. Auch die Geschichte geht mit ihrem Potential zu sorglos um. In so ziemlich jeder Kategorie kam „Emilia Pérez“ höchstens durchschnittlich bei mir an. Visuell unspektakulär, dramaturgisch immer wieder auf Seifenopernniveau mit Kitsch und Klischee.
No es mi taza de té.

Details
Ähnliche Filme