Zunehmend schwieriger gestaltet sich der Broterwerb in der Gegenwart für das nordskandinavische Volk der Samen, die von Norwegen bis zur Barentssee verstreut leben. Das traditionelle Rentierhüten wirft nicht mehr genug ab, und das Zusammenleben dieses indigenen Volkes mit der Mehrheitsbevölkerung in den jeweiligen Ländern ist von Konflikten geprägt, die sich oft um die Rentierhaltung drehen.
So muss auch die junge Sami Elsa (Elin Oskal) bereits recht früh erfahren, daß nicht alle Bewohner ihres kleinen Dorfs in Nordschweden Respekt vor den Wildtieren haben: gerade hat sie sich ein kleines Kälbchen ausgesucht, dessen Ohr sie unter Anleitung kupieren darf (ein traditioneller Brauch), als diesem kurz darauf von Wilderern die Kehle durchschnitten wird. Elsa, die das Geschehen mehr durch Zufall hinter einem Baum versteckt mitbekommt, kennt die beiden Männer auf ihren lauten, knatternden Motorschlitten: einer von ihnen ist der Polizist Robert (Martin Wallström). Als Elsas Vater daraufhin Anzeige erstattet (zum soundsovielten Mal - denn immer wieder werden getötete Rentiere aufgefunden, doch nie wird jemand dafür angeklagt) und seine kleine Tochter als Zeugin auf die Wache mitnimmt, bringt es Elsa nicht fertig, gegen den unbeteiligt tuenden Beamten auszusagen. Sie habe nichts gesehen, flüchtet sich das Kind in eine Notlüge. Und dabei bleibt es auch, für lange Zeit.
Gut 15 Jahre später ist Elsa zu einer jungen Frau herangewachsen. Noch immer wohnt sie bei ihren Eltern, noch immer werden die Sami im Dorf mehr oder weniger offen angefeindet, und auch den Rentierhasser Robert, der immer noch Polizist ist und die Tiere zum Spaß abknallt, gibt es noch. Die selbstbewußte Elsa eckt inzwischen auch in ihrer eigenen Gemeinschaft an, denn sie stellt sich lautstark gegen den Ältestenrat der Sami, der mit den anderen Mitgliedern des dörflichen Gemeinderats einen Kompromiss sucht. Anlass ist ein geplantes großes Bergwerk zum Abbau der Bodenschätze in der Gegend, was eine weitere Verkleinerung der Weideflächen für die Rentiere bedeuten würde. Während aber die älteren Sami nach einigem Beraten dem Grubenbau zustimmen wollen - das Arbeitsplatz-Argument zieht auch hier - ist die junge Elsa nicht bereit, weitere Einschränkungen bei ihren geliebten Rentieren hinzunehmen...
Basierend auf einem Roman hat sich Regisseurin Elle Marja Eira mit Stöld (eigentlich: Diebstahl, deutscher Titel: Das Leuchten der Rentiere) ein interessantes Thema vorgenommen - die fortwährende Verdrängung eines indigenen Volkes aus seinem angestammten Lebensraum. In sehenswerten Bildern schneebedeckter Landschaften und großer Rentierherden baut sie ein Sozialdrama rund um ein samisches Mädchen auf, das beharrlich Gerechtigkeit für ihre traditionelle Lebensweise einfordert. Gleichwohl die einige Jahre überspringende Geschichte von Elsa zwischendurch auch immer wieder mit folkloristischen Aspekten aufwartet, sind es dann doch die Krimi-Elemente, die für eine gewisse Spannung sorgen: da gibt es Verfolgungsjagden mit Schneemobilen, weitere getötete Tiere werden aufgefunden und mit dem rassistischen Polizisten ist auch noch eine Rechnung offen - und die wird, soviel sei gespoilert, auch noch beglichen.
Während Elsa, bei der es sich übrigens keineswegs um eine verschrobene Einzelgängerin, sondern um eine lebensbejahende, offene Persönlichkeit handelt (sie benutzt wie alle anderen jungen Leute ein Handy, hat ihren ersten Freund etc.) also beharrlich bei ihren Vorstellungen bleibt, muß sie einen kontinuierlichen Rückgang des ohnehin schwachen Zusammenhalts ihrer Gemeinschaft konstatieren. Überhaupt scheint den Samen (zumindest in Das Leuchten der Rentiere) die kämpferische Einstellung zu fehlen, die man in solch einem Fall in Mitteleuropa oder anderenorts an den Tag legen würde. Oder wie es ein US-Rezensent ausdrückte: geh mal immer wieder zu einer Farm und schieß´ dort Kühe ab, mal sehen wie lange du das überlebst. Im vorliegenden Film aber ist es eher ein stilles Dahinsiechen: kaum einer der jungen Samen will die Initiative ergreifen, und der traurige Höhepunkt ist Elsas Jugendfreund, der irgendwann auch in der (natürlich gebauten, nicht zu verhindernden) Grube zu arbeiten begonnen hat und sich dort dann erhängt. Überhaupt fehlt es dem Film ein wenig an der Schilderung weiterer Begleitumstände im Zusammenleben im Dorf, da sich Stöld ziemlich auf Elsa fokussiert.
Der Regie gelingt es immerhin, trotz gemächlichem Erzähltempo einen Einblick in das gegenwärtige Leben der Samen zu gewähren, wobei Das Leuchten der Rentiere trotz vieler bunter Szenen zu keiner Zeit in kitschige Rentier-Romantik abgleitet. Dennoch steht hier (im Gegensatz zu der thematisch ähnlich gelagerten, aber deutlich mehr auf Krimi-Aspekte aufbauenden, ganz hervorragenden US-Produktion Wind River) die Problematik des Zusammenlebens im Vordergrund, sodaß sich Coming of Age-Geschichte und Thriller-Aspekte (letztere vor allem zu Beginn und am Schluß) in etwa die Waage halten. Auch wenn dem Streifen vor allem im Mittelteil etwas mehr Drive gutgetan hätte, ist diese skandinavische Produktion durchaus sehenswert: 6 Punkte.