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Seit den 80er-Jahren arbeitete Francis Ford Coppola an seiner filmischen Vision, laut Laurence Fishburne existierte die Idee zu MEGALOPOLIS sogar schon während des Drehs zu APOCALYPSE NOW. Dass MEGALOPOLIS wie seine titelgebende Großstadt über Jahrzehnte gewachsen ist, dass immer wieder am Drehbuch gewerkelt wurde, dass dem Film letztlich aber ein uraltes und schlecht gealtertes Fundament zu Grunde liegt, merkt man ihm an. MEGALOPOLIS ist ein einziges Fiasko, ein vollkommen inkohärenter Film voll von unzusammenhängenden Szenen und Gedanken, ohne wirkliche Handlung, mit einer banalen Botschaft, präsentiert in prätenziösen Bildern und steifen Dialogen.

Dabei bringt Coppola bereits in den ersten Minuten ähnlich viel Prominenz auf die Leinwand wie dieses Jahr sonst nur DUNE PART 2: 

Adam Driver ist Caesar, Nobelpreisträger und „Design Autority“, ein exzentrischer, visionärer Architekt, der uns sein Genie jedoch den ganzen Film über schuldig bleibt. Er ist Erfinder eines innovativen organischen Materials, mit dem er „Megalon“ errichten will – ein Stadtzentrum, das neuartige Lebensräume eröffnen soll, die jedoch ebenfalls nur vage angedeutet bleiben. 

Giancarlo Esposito, seit BREAKING BAD als ewiger Gegenspieler gesetzt, ist Cicero, konservativer und vom prekären Teil der Bevölkerung gehasster Bürgermeister der Stadt. Er will „Megalon“ um jeden Preis verhindern, weil, nun ja, weil er alt und gegen das Neue ist. 

Shia La Boeuf spielt sich als Clodio einfach selbst – ein aufmerksamkeitsheischender Troublemaker, der vom ersten Augenblick nervt und deutlich zu viel Screentime bekommt, weil er letztlich als Trump-Stand-in aufgebaut wird. 

Darüber hinaus gibt Aubrey Plaza eine geldgeile Börsenjournalistin, Nathalie Emmanuel die brave Bürgermeistertochter, die – klar – auf den Architekten steht, Schauspieltalente wie Laurence Fishburne und Jason Schwartzman werden in unwichtigen Nebenrollen verheizt. Doch große Namen hin oder her, schauspielerisch bewegt sich hier alles zwischen hölzern und drüber, was jedoch nicht an den Darstellern liegt, die man alle schon deutlich besser gesehen hat, sondern an den unglaublich papiernen Texten und der unklaren Inszenierung. Alle Figuren bleiben Karikaturen. Einzig Jon Voight sticht in einer im wahrsten Sinne des Wortes Altersrolle aus dem Ensemble hervor.

Der Verleih hat – vermutlich aus Verzweiflung – versucht, den Film als „Science Fiction Epos“ zu vermarkten, doch wird MEGAFLOPOLIS keinem der Begriffe gerecht – „retrofuturistischer Experimentalfilm“ wäre die passendere Bezeichnung. Die Optik des Films ist über weite Teile sehr flach, die meisten Szenen sind in steriler Studioatmosphäre gedreht. Die visuellen Effekte sind größtenteils sehr simpel, manche gar auf dem Niveau "Das kleine Fernsehspiel (ZDF)", allerdings nicht auf so explizite Weise künstlerisch stilisiert wie in Coppolas ONE FROM THE HEART. So weiß man nie, ob das, was man da gerade sieht, eine künstlerische Entscheidung war – oder schlicht budgetbedingter Pfusch.

Offenbar vertraute der Regisseur seinen Bildern selbst nicht, denn sie werden permanent kommentiert. So hören wir mehrmals eine Figur beschreiben, was sie und wir gerade ohnehin sehen. Auf diese Weise wird schließlich jede Situation des Films zerredet. 

Man könnte die Liste der offensichtlichen Fehlentscheidungen und Probleme von MEGALOPOLIS nahezu endlos fortsetzen. Manche Stimmen haben – teils augenzwinkernd – geäußert, dass man Coppolas Film viele Jahre später als verkanntes Meisterwerk schätzen wird wie einst APOCALYPSE NOW. Es ist durchaus möglich, dass der Film später einmal in Filmschulen gezeigt wird – allerdings wohl eher zur Analyse, was man beim Filmemachen alles konzeptionell, marketingtechnisch und rein handwerklich falsch machen kann.

Wenn Caesar am Ende vor dem aufgebrachten Mob über Menschsein, Zeit und Zukunft referiert, ist das eine recht passende Parabel für den Filmemacher, der seine Botschaft von einer besseren Welt unters Volk bringen will, sie jedoch mit den dafür gewählten Mitteln nicht erreichen kann. 

Dass Coppola vom Erfolg dieses sperrigen Arthousefilms für ein absolutes Nischenpublikum so überzeugt war, dass er 120 Millionen aus eigener Tasche für die Finanzierung ausgab, obwohl er bereits 1981 mit dem selbstfinanzierten ONE FROM THE HEART pleite ging, ist entweder ein Zeichen hoffnungsloser Selbstüberschätzung oder dafür, dass Coppola den Kontakt zur Realität und dem Filmgeschäft von heute völlig verloren hat. MEGALOPOLIS ist ein Alter Weißer Film. 

Am Eröffnungswochenende hat er gerade mal 4 Mio. $ eingespielt. Das entspricht etwa dem Einspielergebnis vom ebenso ungeliebten THE CROW Remake. Doch hat dieses nur rund 50 Mio. gekostet und wird ebenso wie der Flop BORDERLANDS mit Sicherheit über die digitale Verwertungskette noch etwas Geld reinholen, was hier unwahrscheinlich scheint. 

Als Buch wäre MEGALOPOLIS vielleicht ganz gut geworden – und hätte vor allem vielen Menschen viel Geld gespart.

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