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Geschrieben und inszeniert von Coralie Fargeat setzt sich „The Substance“ mit dem Druck auseinander, den das glamouröse Leben ausübt. Film und Fernsehen verlangen nach Schönheit und Jugend, die Quote will es, die Zuschauer konsumieren es. Wobei das auf Seiten der Damen viel größeres Gewicht hat, denn Männer können und dürfen wohl verbraucht, alt und / oder komplett arschig sein, ihrem Erfolg oder Selbstbewusstsein tut das keinen Abbruch.
Die Schauspielerin und Moderatorin Elisabeth Sparkle entscheidet sich für eine Art Frischzellenkur, einer Variation ihrer selbst. Doch der Wunsch von Elisabeth nach ihrem anderen Ich geht einher mit sich steigerndem Selbsthass und Verzweiflung. Bis es zu spät ist und das, was man hatte, unerreichbar scheint.

„The Substance“ stellt seine Aussage offen zur Schau und ist dabei wenig subtil. Der Schönheitswahn der Industrie ist gnadenlos und richtet die Betroffenen innerlich zugrunde. Das kehrt Fargeat nach außen, zeigt Verstümmelung, Mutationen, lässt Blut regnen. Bis ins groteske steigert sich dieser Body-Horror und mag man das überzogen in der Darstellung finden – vielleicht war es in dieser Art einfach mal nötig. Da geben sich David Cronenberg und „Carrie“ vor einem „Bildnis des Dorian Grey“ high five, da spielen Demi Moore und Margaret Qualley im Wechsel hervorragend, da möchte man Dennis Quaid, einem Harvey, bei jedem seiner Auftritte eine reinhauen. Wie den meisten Herren hier.

Offenherzig ist das Werk in mehrerlei Hinsicht. Es gibt viel Haut zu sehen, das geht mit dem Konzept einher. Aber auch das Make-up und die Effekte können sich austoben und es sieht nach viel Handarbeit aus, was anerkennenswert ist. „The Substance“ hält nicht hinterm Berg, will blutig, eklig und direkt sein. Es geht um Körper, das will der Film einen nie vergessen lassen. Vielleicht meint er es auch mal zu gut damit, wenn er zum drölfzigsten Mal die wenig bekleidete Jugend in Großaufnahme zeigt und man die Botschaft schon beim vierten Mal verstanden hat. Da hätte man im Mittelteil ein paar Minuten einsparen können. Oder wenn manche Rückblende suggeriert, dass man seinem Publikum nicht zutraut, Gezeigtes von vor einer Stunde selbst in den Zusammenhang zu bringen. Da will Fargeat wirklich ganz sicher gehen, dass das hier richtig verstanden wird.
Was man annehmen darf, denn „The Substance“ serviert mit der groben Kelle. Und ist das Konzept auch interessant, so wirkt es letztlich nicht ganz zu Ende gedacht. Gerade was den Wechsel zwischen den beiden Versionen angeht bzw. manche Erkenntnisse zwischen ihnen. Im Detail finden sich hier Lücken, die man schlucken muss. Doch das kümmert Fargeat wenig, die Logik muss sich der Botschaft unterordnen.

Da fängt die äußerst gelungene Präsentation einiges auf, „The Substance“ ist wie sein Produkt chic designt. Die Perspektiven stehen sich gegenüber, hier die großen und leeren Räume mit ihren Farbflächen und Linien, dort die Nahaufnahmen auf das zu verkaufende Fleisch. Der Testosteron-gesteuerte Blick ist die Falle, Fargeat stellt sie immer wieder mit Vergnügen auf. Wie sie auch gerne szenische Gegenüberstellungen bietet. Fitness und Füllung, Geburt aus Ei und Körper, eine erzählerische Klammer mit Stern.

„Here's your little beauty secret."

Trotz seiner Vielschichtigkeit ist „The Substance“ plakativ, die Mischung funktioniert hier aber. Coralie Fargeats Satire auf eine Industrie, die Hüllen verkauft, drückt meist die richtigen Knöpfe und verpackt ihre Zerrissenheit zwischen Sehsucht und Selbsthass in krasse Bilder. Toll gespielter, gefilmter und ausgeführter Body-Horror, der dem Publikum und dem System seine Botschaft mit Wucht ins Gesicht drückt. Immer noch ein bisschen mehr. Bis es explodiert.

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