Ein Rausch aus Fleisch, Glanz und Verzweiflung - eine grelle, groteske, geniale Grenzerfahrung
Coralie Fargeat, die bereits mit ihrem explosiven Debüt „Revenge“ (2017) bewiesen hat, dass sie das Genre-Kino nicht nur versteht, sondern auf links drehen kann, liefert hier ihr opus magnum ab – zumindest fürs Erste. Ihr zweites Werk ist ein fiebriger, visuell elektrisierender Alptraum, der zugleich Bodyhorror, Gesellschaftssatire und Glamour-Tragödie ist. „The Substance“ ist ein Film, der schreit, beißt, blutet, glänzt und glitzert – und der in seiner exzessiven Körperlichkeit ebenso faszinierend wie abstoßend ist. Ein Werk, das in seiner Radikalität und formalen Brillanz fast schon unverschämt selbstbewusst ist.
Im Zentrum steht Elizabeth Sparkle, eine einst glitzernde Fernsehikone, gespielt von niemand Geringerem als Demi Moore, die hier eine Leistung abliefert, die man ohne Übertreibung als Karrierehöhepunkt bezeichnen darf. Elizabeth ist das, was in Hollywood euphemistisch „nicht mehr ganz frisch“ genannt wird. Eine Frau, die einst das Licht der Öffentlichkeit vergötterte – und nun vom Studio, vom Publikum, ja, von der Gesellschaft selbst entsorgt wird, weil ihre Haut zu viel, ihre Jahre zu sichtbar sind. Dann taucht „The Substance“ auf – ein mysteriöses biotechnologisches Verfahren, das verspricht, die Jugend zurückzugeben. Aus Elizabeths Körper wächst eine zweite Version ihrer selbst: die junge, makellose Sue, gespielt von Margaret Qualley. Zunächst scheint alles zu funktionieren. Elizabeths Ruhm flammt neu auf – nur eben in einem anderen Körper. Doch das Abkommen hat einen Preis. Denn diese zweite, perfekte Version ist nicht einfach eine Kopie. Sie ist eigenständig, sie ist ehrgeizig, sie ist hungrig. Und sie will nicht mehr teilen.
Was folgt, ist ein groteskes Duell zweier Körper, zweier Egos, zweier Daseinsformen. Eine Art „Fight Club“ der Weiblichkeit, in Latex und Blut getränkt. Fargeat nutzt dieses Setting nicht nur für ein grotesk überhöhtes Horrorszenario, sondern als Spiegel einer Gesellschaft, die Schönheit, Jugend und Selbstoptimierung wie religiöse Dogmen behandelt. Ein filmischer Frontalangriff auf den Fetisch der ewigen Jugend, der Schönheitsindustrie und den kapitalisierten Körper. Fargeat seziert die moderne Körperpolitik mit chirurgischer Präzision. Ihre Bilder sind brutal, aber nie beliebig. Ihre Ironie ist beißend, aber nie zynisch. Die Idee, buchstäblich zwei Versionen seiner selbst in einen psychophysischen Krieg zu schicken, ist genial – und die französische Regisseurin dehnt sie bis an die Grenzen des Erträglichen. Das Drehbuch ist messerscharf und sarkastisch, durchzogen von bitterer Ironie und gnadenloser Beobachtung. Hinter all dem Blut, Schweiß und Glitzer steckt eine tieftraurige Meditation über weibliche Selbstwahrnehmung, das Altern und die ökonomische Ausbeutung des Körpers. Fargeat balanciert virtuos zwischen Exploitation, Satire und Tragödie – und genau dieser Drahtseilakt macht „The Substance“ so hypnotisch.
Fargeat inszeniert die Obsession mit Jugend und Perfektion wie einen heiligen Gral des modernen Narzissmus. Die Welt von „The Substance“ ist pink, pulsierend, synthetisch – eine grelle Überzeichnung der Medienkultur, in der jede Pore, jede Falte, jede „Unvollkommenheit“ zum Makel erklärt wird. Der Score pumpt elektronisch, hypnotisch, zwischen 80s-Glamour und dystopischem Soundgewitter. Die Atmosphäre schwankt dabei zwischen Fiebertraum und Albtraum, zwischen Haute-Couture und Kannibalismus. Man meint, David Cronenberg und Nicolas Winding Refn hätten gemeinsam eine Schönheitsklinik in der Hölle eröffnet – und Fargeat führt Regie. Das Geniale ist, dass „The Substance“ trotz seines exzessiven Stils nie zynisch wirkt. Unter all der grotesken Oberfläche lauert echtes Mitgefühl, ein Aufschrei gegen die grausame Logik einer Gesellschaft, die Frauen buchstäblich verschlingt, um sie jung zu halten. Es ist Feminismus mit Schlagring und Lipgloss – kompromisslos, böse, aber nie platt.
Zwischen Glanz und Blut
Schon „Revenge“ war ein visuelles Manifest, aber „The Substance“ katapultiert Fargeat in eine andere Liga. Jede Einstellung sitzt, jeder Schnitt pulsiert im Rhythmus des Blutes, das durch diesen Film fließt. Die Kameraarbeit ist von einer fast perversen Schönheit: sterile OP-Räume leuchten in bonbonfarbenem Neon, Blut tropft auf makellose Haut wie Haute-Couture-Parfüm, und Körper werden zu Landschaften aus Fleisch, Latex und Spiegeln. Man könnte sagen: „The Substance“ ist der vielleicht stylischste Albtraum des Jahres. Ein audiovisueller Rausch, der in seiner Präzision an Kubricks Perfektionismus erinnert, in seiner Körperlichkeit an Cronenbergs frühen Wahn, und in seiner Pop-Ästhetik an die visuelle Ekstase eines Refn oder Gaspar Noé.
Die Practical Effects sind unfassbar realistisch – eine Hommage an das alte Bodyhorror-Handwerk, wie man es seit den 80ern kaum mehr gesehen hat. Kein digitales Plastikblut, keine sterile CGI-Metamorphose – sondern echtes, handgemachtes Fleischkino. Wenn sich Haut schält, Körper mutieren, Gliedmaßen wachsen oder verfaulen, dann ist das grotesk – aber auch faszinierend schön. Und ja, die Gewaltspitzen sind massiv. Blut spritzt, Körper explodieren, Identitäten kollabieren. Demi Moore liefert hier die Performance ihres Lebens. Nach Jahren relativer Leinwand-Abwesenheit kehrt sie mit einer Rolle zurück, die zugleich Selbstreflexion und Wiedergeburt ist. Ihre Darstellung ist roh, verletzlich, wütend – und mit einer unglaublich emotionalen Tiefe. Es ist kaum zu glauben, wie Moore diese Mischung aus Glamour, Ekel, Stolz und Scham meistert. Der Golden Globe war verdient, die Oscar-Nominierung überfällig. Margaret Qualley wiederum ist die perfekte Spiegelung: jung, makellos, aber zunehmend monströs. Ihre Performance changiert zwischen kindlicher Naivität und dämonischer Besessenheit – eine Verkörperung des Idealbilds, das sich selbst auffrisst. Das Zusammenspiel zwischen ihr und Moore ist elektrisierend, fast schon erotisch in seiner Intensität. Zwei Frauen, zwei Körper, ein Krieg – filmischer kann man innere Zerrissenheit kaum inszenieren.
Fazit
„The Substance“ ist ein Meisterwerk des modernen Genrefilms – grell, böse, schön, abstoßend, hypnotisch. Coralie Fargeat beweist mit diesem zweiten Film endgültig, dass sie zu den aufregendsten Stimmen des internationalen Kinos gehört. Wo andere Regisseure sich im Subtext verlieren, holt sie ihn mit blutverschmierter Hand an die Oberfläche und reibt ihn uns ins Gesicht. Ein Film, der an die Grenzen des Geschmacks geht und sie zugleich elegant überschreitet. Er ist feministisches Manifest, Körperhorror, Satire und Kunstfilm in einem - voller Energie, Stil und Wut. Natürlich: Nicht alles ist perfekt. Manchmal schießt Fargeat über das Ziel hinaus, manchmal droht der Exzess, die Emotion zu verschlucken. Aber was für ein herrlicher, wilder, durchgeknallter Ritt das ist! „The Substance“ ist kein Film, den man einfach „mag“ oder „nicht mag“ – er ist ein Erlebnis, ein Angriff, ein Statement. Coralie Fargeat liefert mit „The Substance“ feinstes Genrekino – elegant, brutal, kompromisslos. Ein Film, der brennt, glüht, schneidet und heilt. Ein greller, blutiger, intelligenter Triumph des modernen Körperkinos.