Ruhm, Blut und Neonlicht: Ti Wests fiebrig-funkelnder Abschluss einer modernen Horrortrilogie
Ti Wests „Maxxxine“, dritter Teil seiner mittlerweile ikonischen Horror-Trilogie nach „X“ und „Pearl“, ist ein Spiegel, der die 80er-Jahre in all ihrem Glanz, Glitzer und moralischen Zerfall reflektiert. Ein neongetränkter Abgesang auf die Unschuld des Kinos, auf die Sehnsucht nach Ruhm und das Monster, das in der Ambition lauert. Nach dem intimen Psychogramm „Pearl“ und dem dreckig-exploitativen „X“ wagt West hier den Sprung in die Breite – in die schmutzigen, vibrierenden Straßen von Los Angeles der 80er. Es ist das Jahrzehnt von VHS, Aerobic, Schweißband und Narzissmus, und West fängt es mit fast dokumentarischer Präzision ein: Das Smoglicht über Sunset Boulevard, der kalte Schimmer auf der Windschutzscheibe, der Geruch von billigem Parfüm in der Nachmittagshitze. Es ist ein gelungener Abschluss der Trilogie, ein filmischer Dreisatz, der sich stilistisch wie emotional rund schließt – auch wenn die letzte Gleichung nicht ganz ohne Stolperer gelöst wird.
Wir treffen Maxine dort, wo „Pearl“ und „X“ sie hingetrieben haben: am Rand des Ruhms. Hollywood ist ihr Versprechen – und ihre Droge. In den Neonlichtern von Los Angeles sucht sie nach einer zweiten Geburt, nach dem endgültigen Durchbruch als Schauspielerin. Doch wie immer bei Ti West ist Erfolg hier keine Erlösung, sondern ein Exorzismus. Während Maxine um Rollen und Aufmerksamkeit kämpft, treibt ein Serienmörder sein Unwesen – eine Art Phantom der Traumfabrik, das ihre Vergangenheit ausgräbt.
Die narrative Struktur ist clever, wenn auch nicht ganz so elegant wie in „Pearl“: Nach einer fantastischen Eröffnungssequenz – eine Hommage an De Palma und Carpenter, voller Suspense, Stil und Tempo – verflacht die Dramaturgie phasenweise. Bei der Atmosphäre spielt „Maxxxine“ seine größten Trümpfe aus. Die 80er leben – aber nicht als nostalgische Tapete, sondern als organische Welt. VHS-Grobschleier, analoge Körnung, Neonröhren, Zigarettenrauch, kalifornische Dämmerung. West und sein Stammkameramann Eliot Rockett zelebrieren das Jahrzehnt nicht als Retro-Gag, sondern als Schauplatz einer sich selbst verzehrenden Kultur. Visuell ist das eine Glanzleistung: „Maxxxine“ leuchtet, pulsiert, hypnotisiert. West arbeitet hier weniger mit Schockeffekten, sondern mit Suggestion. Statt Splatter gibt’s Suspense. Die Gewalt ist dosiert, pointiert, fast elegant. Wer nach dem Exploitation-Schmutz von „X“ das große Blutbad erwartet, wird überrascht sein: Hier ist das Messer schärfer, aber seltener gezückt. Die Spannung entwickelt sich weniger aus der physischen Gefahr als aus dem psychologischen Druck. „Maxxxine“ ist weniger ein Slasher, mehr ein Thriller über Identität und Projektion. West jongliert meisterhaft mit filmischen Codes: Ein bisschen Giallo, ein bisschen Hitchcock, eine Prise Brian De Palma – und das Ganze gewürzt mit einem ironischen Augenzwinkern, das nie zur Parodie verkommt.
Es ist kaum übertrieben zu sagen: Ohne Mia Goth keine „X“-Trilogie. Sie ist Herz, Hirn und Blut dieser Filme. Was sie mit Maxine macht, ist schlicht bemerkenswert. Zwischen Exzess und Kontrolle, zwischen Verletzlichkeit und kalkulierter Selbstinszenierung spielt sie eine Frau, die zur eigenen Projektion geworden ist. Goth hat ein Gesicht, das alles kann: schön und unheimlich zugleich, verletzlich und undurchdringlich. Ihre Maxine ist mehr als eine Figur – sie ist ein Kommentar über das Kino selbst, über Frauenbilder, über die Körperpolitik des Ruhms. Kevin Bacon ergänzt sie kongenial: als abgehalfterter Polizist oder Produzent (West verrät es lange nicht eindeutig), der zwischen Paternalismus und Bedrohung pendelt. Bacon bringt Charme und Dreck zugleich, eine Präsenz, die sich perfekt in Wests ironischen Blick auf das System fügt.
Fazit
„Maxxxine“ ist ein filmisches Chamäleon – düster, funkelnd, zynisch und zugleich aufrichtig in seiner Liebe zum Kino. Ti West beendet seine Trilogie mit einem Paukenschlag, der nachhallt, auch wenn nicht jeder Ton perfekt sitzt. Die Spannung stimmt, die Atmosphäre ist brillant, die ironischen Spitzen sitzen.Ti West geling das Kunststück, Horror, Satire und Charakterdrama in einem grell funkelnden Neon-Cocktail zu vereinen – ein filmischer Liebesbrief an das Kino, das uns gleichermaßen erschreckt und verführt. Wests Trilogie – von der Pornofilm-Farm in „X“ über das expressionistische Kammerspiel in „Pearl“ bis zum Neon-Noir von „Maxxxine“ – ist nicht weniger als eine Geschichte des amerikanischen Kinos im Spiegel des Horrors. Am Ende bleibt Maxine, die Figur, die Mythos wurde – und ein Film, der zeigt, dass selbst in einem Genre voller Blut und Schrecken noch Platz für Stil, Intelligenz und ein bisschen Glamour ist. Nicht perfekt, aber verdammt gut – und ein würdiger Abgang einer Trilogie, die das Horrorkino der 2020er definieren wird.