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Es ist ein schöner Tag in einer australischen Vorortsiedlung für den Mann der zweifachen Mutter Alexandra. Er hat Geburtstag, wird von seinen Kindern fröhlich geweckt, nimmt seine Gattin in den Arm, und freut sich auf eine bereits angedeutete Geburtstagsüberraschung am Abend nach der Arbeit. Das bisherige Leben schien auch ganz gut geklappt zu haben. Im Beruf ging es aufwärts, seine Frau hat sich ihre kleine Welt im Haushalt mit den Kindern zurechtgemacht. Nur kleine Andeutungen, wie das übertrieben abgesicherte Haus mit Sicherheitsrolläden und zig Schlössern an jeder Tür, oder das seltsam abweisende Verhalten von Alexandra gegenüber ihrem Mann stehen dem perfekten Bild einer harmonischen Familie entgegen.
Der glückliche, karrierebewusste Familienvater geht also nichtsahnend in sein Büro (wird nebenbei sogar noch befördert) und kommt pünktlich wieder zu Hause an. Dort entwickelt sich die erwartete Überraschung jedoch zusehends in einen Schock. Das Haus ist komplett abgeschottet, die Schlösser ausgetauscht, nichts funktioniert. Dorthin eingesperrt bleibt dem Vater nichts anderes übrig, als eine in Geschenkpapier eingewickelte Videokassette abzuspielen - Alexandras knallharte Abrechnung mit ihrem Mann, Vorwürfe und eine verspätete Rache für all die scheinbar trostlosen, vergeudeten Jahre ihres Lebens...

Ein Wechselbad der Gefühle offenbart der Film "Alexandra's Project". Als harmonisches Familienmelodram beginnt er - nur kleine, kaum merkliche Andeutungen beschreiben den wahren Zustand der Ehe und brechen mit dem makellosen Gesamtbild. So sind z.B. überall im Haus die Rolläden runtergefahren, alle Türen mehrfach abgeschlossen. Als Vater dann zur Arbeit fährt, bemerkt man, wie Alexandras Gemüt plötzlich umschlägt und sie akribisch ihre "Überraschung" vorbereitet.
Als nun ihr ahnungsloser Mann heimkommt, wechselt der Regisseur seinen Stil in einen subtilen Thriller. Dunkelheit, Kargheit, ein misstrauisch werdender Ehemann und die seltsame Videokassette. Als sie eingelegt wird, beginnt der Hauptteil des Films, eine Mischung aus intelligentem Drama und spannungsgeladenem Psychoduell zwischen den Ehepartnern, ein intensives Kammerspiel der Offenbarungen und Anklagen, das sich zu einem gnadenlosen Finale hinentwickelt.
Dabei ergreifen die Macher nie richtig Partei für eine der beiden Seiten, ein klischeehaftes TV-Drama ist der Film keineswegs. Ganz im Gegenteil: Während anfangs noch Alexandra, eher die Sympathiträgerin ist, die Leidende, das Opfer der (sexuellen) "Tyrannei" ihres Mannes, so mausert sich dieser im weiteren Verlauf fast zum eigentlichen "Helden" des Filmes, da Alexandra zusehends in Rachsucht übergeht und ihre eigene Passivität und Inkonsequenz in ihrem Verhalten nicht miteinbezieht. Mehr möchte ich nicht verraten, aber der Film bleibt bis zu den letzten paar Minuten (SPOILER ##Die Rechtfertigungsrede seines Nachbarn und die Szenen danach, als der Ehemann alleine zu Hause ist, sind eher überflüssig und drängen den Film von seiner klugen Gratwanderung leider ab## SPOILER) inhaltlich ambivalent und diskussionswürdig, stellt bewusst das Verhalten beider in Frage und will sich nicht auf eine Seite schlagen, sondern den Betrachter selbst nachdenken und entscheiden lassen.

So entsteht, vermittelt durch das ehrliche, tiefsinnige Spiel der Schauspieler, ein realistischeres, authentischeres Bild einer Ehekrise und (vor allem) dessen Ursachen, als in den meisten Schwarz-Weiß-Malereien dieser Art. Man kann sogar noch weiter gehen und den Film als eine kleine Gesellschaftsstudie ansehen, wie man heutzutage miteinander umgeht, wie viel Wert noch eine Ehe hat, wie die soziale Stellung der Frau aus männlicher UND weiblicher Sicht missverstanden werden kann und wie daraus tiefsitzende Konflikte entstehen können.
Das klingt nun alles sehr hochtragend, aber "Alexandras Project" bietet tatsächlich diese vielen Interpretationsansätze und besitzt mit seiner fiktiven provokanten Zuspitzung einer heutzutage erschreckend häufig vorkommenen Erscheinung der Gesellschaft Brisanz und Diskussionspotential. 8/10.

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