Leicht hatte es Reza (Anoushiravan Mohseni) noch nie im Leben - schon als 10-Jähriger mußte der aus dem Iran stammende Bub lernen, daß man am besten mit den Nachbarskindern dadurch auskommt, indem man ihre Sitten und ihr Gehabe annimmt. So freundet sich der bei seiner alleinerziehenden Mutter in einem Wohnsilo in Wien aufwachsende Reza auch schnell mit Mo und Dragan aus dem Nachbarsblock an, und schon bald bessert das Trio mit kleinkriminellen Aktionen wie Fahrraddiebstählen und Erpressungen Gleichaltriger ihr Taschengeld auf - der stets in Zivil auftretende Polizist Czermak kann ihnen jedoch nie etwas nachweisen.
Gut 25 Jahre später ist Reza ein talentierter Hobby-Boxer geworden, verdient aber immer noch nicht genügend Geld, um seiner Mutter eine bessere Wohnung zu ermöglichen - da erreicht ihn ein Angebot des Mafioso Milan (Tim Seyfi): der sucht nämlich einen Enforcer (im Film Putter genannt), und die mittlerweile in seinen Diensten stehenden Handlanger Mo und Dragan entsinnen sich schnell ihres alten Freundes aus Kindertagen. Reza muß nicht lange nachdenken - er willigt ein und führt seitdem ein Doppelleben: tagsüber geht er einem normalen Job nach, nachts jedoch treibt er Schulden ein und läßt dabei wirkungsvoll die Fäuste sprechen.
Eines Tages spricht der immer noch alleinstehende Reza aus einer Laune heraus in einem Club charmant eine jüngere Dame an, holt sich aber erwartungsgemäß einen Korb - sehr zur Freude seiner Begleiter Mo und Dragan. Doch seine Anmache bleibt nicht ohne Folgen, denn Beatrice (Alma Hasun) fühlt sich von Rezas Auftreten geschmeichelt und bekundet ihrerseits Interesse - so entwickelt sich bald eine Beziehung, bei der der Gangster sein nächtliches Treiben sorgsam kaschieren muß, was ihm nicht immer gelingt. Aber nicht nur Beatrices Mutter ist der neue Freund suspekt, auch Inspektor Czermak hat mittlerweile genug Indizien, den Mafioso festzunageln...
Der unter der Regie von Andreas Kopriva entstandene Streifen Hades - Eine (fast) wahre Geschichte beschreibt in einer Mischung aus Sozialdrama und Komödie Aufstieg und Fall eines Wiener Unterweltlers, der sich trotz seiner wenig erbaulichen Berufstätigkeit stets einen Rest Charme bewahrt hat. Mit seiner ganz speziellen Art weiß Hauptdarsteller und Drehbuchautor Mohseni dann auch bald das Publikum auf seine Seite zu ziehen, scheint er doch trotz aller Umstände so etwas wie ein "fairer" Gangster geblieben zu sein. Gleichwohl die Handlung an sich diverse Klischees aufbereitet und plottechnisch kaum Überraschungen parat hält, ist es doch dem durchaus ambivalenten Auftreten des Filmcharakters Reza zu verdanken, daß man die 100 Filmminuten größtenteils amüsiert verbringen darf.
Zwar kommt auch Hades nicht umhin, seine Proponenten teilweise grob zu überzeichnen (Mo und Dragan, ein kleinerer Scharfzüngiger und ein tumber Riese mit einem IQ unter Raumtemperatur sind in dieselbe Nutte verliebt, die sie sich tageweise teilen, weswegen manche Aufträge deutlich vor Mitternacht erledigt sein müssen, weil sonst keine Zeit mehr für einen Besuch der - übrigens nie sichtbaren - Dame übrig bliebe), vermeidet dabei aber allzu platte, aus diversen TV-Shows bekannte Wiener Klischees und fokussiert sich stattdessen ganz auf den Gentleman-Gangster, der ohne martialisches Äußeres seine Ziele erreicht.
Meistens jedenfalls, denn der plötzliche Reichtum ihres Maßanzüge tragenden Sohnes kommt auch seiner geliebten persischen Mama nicht ganz geheuer vor, und die komfortable neue Wohnung, die er ihr eines Tages schenkt, weist sie unter Tränen zurück - da weiß selbst der sonst um keinen Spruch verlegene Reza keinen Rat mehr. Aber er hat ja noch Beatrice - und die ahnt erst recht nichts von seinem Beruf, sondern läßt sich gerne im Sportcabrio chauffieren.
Ein kleiner, feiner Film, dem es auch produktionstechnisch an nichts fehlt (ein Polizeieinsatz wird ebenso tadellos dargestellt wie eine echte JVA, in der gedreht wurde) - wer auf diese, stets mit einem Augenzwinkern konzipierte Sorte Milieustudien steht, sollte hier einen Blick riskieren - 6 Punkte.