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Gerade erst aus Warschau an die polnische Ostseeküste bei Gdynia (Gdingen) versetzt, bekommt es der junge Staatsanwalt Leopold Bilski (Jakub Gierszal) gleich mit einem kniffligen Fall zu tun: Am Strand wurde die nackte Leiche einer jungen Frau angespült, der die Oberlippe abgetrennt wurde. Es dauert nicht lange, bis ihre Identität feststeht: es handelt sich um Monika Bogucka (Zofia Jastrzebska), Tochter einer Richterin und eines Anwalts. Besonders die Mutter Helena Bogucka (Maja Ostaszewska) ist tief betroffen über den Tod ihres Kindes und macht sich bittere Vorwürfe, den lebenslustigen Twen alleine gelassen zu haben.
Die abgetrennten Lippen allerdings führen Bilski auf die Spur eines verurteilten Mörders, der vor Jahren eine ebensolche Verstümmelung an seinem Opfer begangen hatte - und vor kurzem aus dem Knast entlassen wurde. Mit dieser Tatsache konfrontiert, verneint der ex-Sträfling, ein sichtlich gebrochener Mann, jede Verbindung zu Monika Bogucka. Als ihn die Beamten dennoch aufs Revier mitnehmen, da sie seiner Aussage keinen Glauben schenken, springt der Verzweifelte dort in einem unbeobachteten Moment aus dem Fenster in den Tod. Dies nährt bei Bilski den Verdacht, daß im aktuellen Fall ein anderer Mörder am Werk war, und der Selbstmörder eventuell überhaupt unschuldig gesessen hatte - doch als er laut darüber nachdenkt, diesen alten Fall eventuell neu aufrollen zu wollen, bremst ihn sein Vorgesetzter harsch ein.
Bilski konsultiert die Eltern der Toten und erfährt, daß Helena Bogucka ebenfalls Zweifel an der Täterschaft des (Vor-)Verurteilten hat und auf eigene Faust nach dem Mörder suchen will. Die Richterin, die ein Verhältnis mit dem Gerichtsmediziner hat und sich gedanklich bereits von Ihrem Mann getrennt hat, weiß allerdings nicht einmal, wo sich ihre Tochter in den letzten Monaten aufgehalten hatte. Durch einen Tip erfahren sie, daß Monika zuletzt im Stocznia-Club, einem örtlichen In-Lokal, an der Bar gearbeitet hatte. Der Club gehört dem berüchtigten Kriminellen Lukasz Kazarski (Przemyslaw Bluszcz), der inzwischen im feinen Maßanzug in einer vornehmen Villa residiert - entsprechend wenig gesprächsbereit zeigen sich die zu ihrer ermordeten Kollegin Befragten im Club. Mit Kazarski wollen sich auch die örtlichen Polizisten nicht so gerne anlegen, wie Bilski bald feststellen muß. Doch als er erfährt, daß Monikas Vater Roman Bogucki diesen Kazarski anwaltlich vertritt, erscheint der Fall in neuem Licht...

Die polnische Netflix-Produktion Colors of Evil: Red vereint alle bekannten Zutaten eines spannenden Krimis: ein rätselhafter Mord, möglicherweise Teil einer ganzen Mordserie, ein junger, sympathischer Ermittler, der sich über alte Seilschaften hinwegsetzt, eine Hinterbliebene, die ihre Trauer mit der gefährlichen Suche nach der Wahrheit verarbeitet, ein ausgesprochen widerlicher Weißer-Kragen-Krimineller und ein Motiv, das einen Blick in abscheuliche menschliche Abgründe offenbart - besonders Letzteres erinnert frappierend an skandinavische Nordic Noir-Serien vom Kaliber Bordertown oder Kommissar Beck. Einige Szenen des unter der Regie von Adrian Panek entstandenen Streifens sind dann bezüglich Gewalt (namentlich gegen Frauen) auch schwer mitanzusehen, wobei die schlimmsten Auswüchse gottseidank nur mündlich geschildert werden.

Gleichwohl der auf einer Roman-Trilogie basierende Film nichts Substanziell Neues bietet, sind es vor allem diese tatsächlichen oder auch (in der Vergangenheit) vermuteten Gewaltexzesse, die, verbunden mit der augenscheinlichen Machtlosigkeit der Polizei gegen die Verbrechen, Colors of Evil: Red vorantreiben. Auch der stets unbeirrt kombinierende, trotz seiner brutalen Gegner nie eine Waffe tragende Staatsanwalt Bilski scheint die unsichtbare Mauer aus Schweigen, unverhohlener Gewaltandrohung und Erpressung nicht durchdringen zu können, die psychisch schwer mitgenommene Richterin (eine starke darstellerische Leistung von Maja Ostaszewska) begibt sich bei ihrer Suche nach Spuren ihrer ermordeten Tochter sogar in akute Lebensgefahr. In zwischendurch eingeschobenen Rückblenden erfährt der Zuseher dann, was sich tatsächlich zugetragen hatte.

Erfreulicherweise verzichtet der Streaminggigant hier auch auf (s)ein leider allzuoft erlebtes, mit reichlich uninteressantem Füllstoff versehenes Auswälzen der Vorlage auf diverse Folgen, wodurch der Streifen, der am Ende noch mit einem unerwarteten Plot Twist aufwartet, trotz seiner Laufzeit von immerhin 111 Minuten keinerlei Zeit verschwendet. In dieser Tonart darf es (mit Colors of Evil: White) gerne weitergehen, solide 8 Punkte für Colors of Evil: Red.

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