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In einer nicht allzu fernen Zukunft in Brasilien wachsen die Schwestern Maria (Jessica Córes) und Gabi (Gabz) sowie ihr jüngerer Bruder Gus (Christian Malheiros) nach dem Tode ihrer Mutter Helena, die eine Spitzensportlerin war, bei ihrem Vater Ricardo auf. Zeitlebens förderte die berühmte Mama die sportliche Laufbahn ihrer Töchter, die ebenfalls Weitspringerinnen werden sollten - bis Gabi, die jüngere der beiden, ihr rechtes Bein verlor. Seitdem stand nur noch Maria im Fokus.
Dann ereignete sich etwas, was später als bionische Revolution bekannt wurde: weitentwickelte kybernetische Prothesen hielten Einzug in den Alltag und eröffneten u.a. auch Amputierten wie Gabi wieder Karrierechancen, zumal paralympische Spiele immer beliebter wurden. Im Laufe kurzer Zeit übertrafen diese Bionics genannten Sportler bezüglich Wettbewerbsergebnissen ihre gesunden Kollegen ohne Prothesen, was sich auch bei den Sponsoren bemerkbar machte, sodaß diese immer mehr ins Abseits gerieten. Besonders Maria, die stets Bevorzugte, litt darunter, mit einem gesunden Körper als Sportlerin nicht mehr gefragt zu sein.
Im Zuge dieser bionischen Revolution bildeten sich verschiedene Interessengruppen, darunter auch eine Bande selbsternannter Revolutionäre unter der Führung von Heitor Hirsch (Gabriel Gagliasso), die sich für das Recht aller unversehrten Sportler einsetzten, ebenfalls kybernetische Prothesen zu erhalten. Gus, ein Technik-Nerd, hat Kontakt zu dieser Gruppe, und da er seiner Schwester Maria helfen will, stellt er den Kontakt zu Heitor her. Heitor zeigt großes Interesse an der sportlichen jungen Frau, die allerdings das Implantieren der NIMs, eines Chips, der das Gehirn mit der Prothese zusammenschaltet, bisher abgelehnt hatte.
Als sie eines Tages abends infolge eines Autounfalls mit dem Motorrad verunglückt und ihr im Krankenhaus ein Bein amputiert werden muß, bleibt ihr allerdings nichts anderes mehr übrig, als die angebotene Prothese, ein im Übrigen sehr kostspieliges Ersatzteil, anzunehmen. Fortan beginnt sie wieder zu trainieren, um ihrer Schwester Gabi, die derzeit den Weltrekord im Weitsprung hält, nachzueifern. Doch schon bald muß sie die kriminellen Schattenseiten der Bionics kennenlernen...

Die brasilianische Netflix-Produktion Bionics stellt eine interessante These in den Raum: werden in ferner Zukunft Menschen mit Maschinen-Ersatzteilen gesellschaftlich erfolgreicher sein als körperlich Unversehrte? Und wird dieser Umstand gesunde Menschen dazu bewegen, sich freiwillig Gliedmaßen amputieren zu lassen, um sie durch kybernetische Prothesen zu ersetzen? Regisseur Afonso Poyart jedenfalls skizziert eine solche Welt, in der durch künstliche Körperteile erzielte Rekorde attraktiver geworden sind als jene, die wir heute kennen.
 
Leider bleiben die mit einer solchen Realität verbundenen philosophischen Überlegungen weitgehend außen vor, denn das Drehbuch springt permanent zwischen schwesterlichem Eifersuchtsdrama, kriminellen Aktivitäten und sportlichem Wettbewerb hin und her, ohne eine klare Linie erkennen zu lassen. Immerhin erfährt man, daß die NIM-Chips nicht nur sehr kostbar sind (was sie zu begehrtem Diebesgut werden läßt), sondern bei unkontrollierter Inanspruchnahme darüberhinaus für ihren Träger auch tödlich sein können. Bionische Schwestern macht aus diesen wenigen Eckpunkten einen filmdramaturgisch kaum stimmigen Plot, in dem immer wieder mal das eine oder andere der drei erwähnten Grundelemente die Oberhand gewinnt. Einige Subplots bleiben erklärungsbedürftig bzw. bringen die Handlung keineswegs voran, in der letzten halben Stunde will die Regie dann nicht mehr viel falsch machen und läßt die Thriller-Elemente überwiegen, leider vorhersehbar nach Schema F.

Zugutehalten muß man dem Streifen in technischer Hinsicht jedoch die zahlreichen, sauber implementierten Computerspielereien, bei denen immer wieder die überzeugend designten Beinprothesen im Vordergrund stehen. Doch außer kybernetischen Prothesen hält die filmische Zukunft anscheinend nur glitzernde Hochhausfassaden, einfache Techno-Mucke in den Clubs und neonfärbige Lidschatten und Cocktails für uns bereit - Stilelemente, wie man sie aus Blade Runner, Terminator und Konsorten schon längst kennt.
Wenig einfallsreich auch die Charakterisierung sämtlicher Nebenfiguren um die beiden Schwestern, besonders die Liaison Marias mit dem immerhin charismatisch erscheinenden Heitor wird nicht weiter vertieft, warum der jüngere Bruder diesen kennt und von dem Mittvierziger sogar mehr als nur akzeptiert wird, bleibt ebenso fragwürdig wie Herstellung und Zuteilung der kostbaren NIM-Chips, die im Film fast schon wie Diamanten gehandelt werden.
Die beiden Hauptdarstellerinnen, besonders Jessica Córes als Maria, hinterlassen dagegen einen positiven Eindruck, zumal ihre Filmcharaktäre einigermaßen durchdacht wirken und sie auch eine gewisse charakterliche Entwicklung durchmachen.

Fazit: Bionic ist allein schon wegen der visuellen Effekte für SciFi-Freunde sehenswert, versemmelt wegen seines unausgegorenen Drehbuchs und einiger Handlungslöcher jedoch einen insgesamt positiven Eindruck. Ein Achtungserfolg aus Brasilien, bei dem stets das Gefühl vorherrscht, mit einem besseren Skript wesentlich mehr erreichen zu können. 5 Punkte.

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