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Hitchcocks „The 39 Steps“ entpuppt sich schnell als ein Archetyp des modernen Chaser-Movies und gleichzeitig als Archetyp späterer Werke aus der eigenen Feder. Das sind viele Aufgaben auf einmal, und das auch noch verpackt in gerade mal 82 Minuten... kein Wunder, dass die Hetzjagd nach dem mutmaßlichen Mörder Richard Hannay (Robert Donat) abgeht wie die Luzi.

Das für damalige Verhältnisse enorm stark angezogene Pacing des Films ist dementsprechend auch sein auffälligstes Attribut, denn wo sich andere Werke aus Hitchcocks Frühphase gerne Zeit nahmen für ausführliche Charakterbeschreibungen, wird hier gleich von Beginn an mächtig eingeheizt. Was nicht bedeutet, dass die Charakterprofile darunter leiden müssten, nur wird dies sozusagen im Vorbeilaufen erledigt. Die Protagonisten entfalten ihre Persönlichkeiten während des Sprungs von einem Ort zum anderen.

Dabei begleiten wir genau genommen nur eine Person über die ganze Laufzeit: Richard Hannay, dem sich zu Beginn des Films eine geheimnisvolle Frau anvertraut, die vorgibt, Agentin zu sein, und die ihm schließlich wichtige Informationen zuspielt, bevor sie dann tatsächlich von zwei Männern in Hannays Wohnung ermordet wird. Fortan gilt Hannay als der Mörder, weshalb er sich auf die Flucht begibt, um Scotland Yard auszuweichen und gleichzeitig die Botschaft der ermordeten Agentin an ihren Zielort zu bringen.

Indem wir quasi unentwegt an der Seite der Hauptfigur verweilen, werden wir eins mit ihr, zumal der Mord an der Agentin nicht etwa im Off geschieht, sondern vor unseren Augen; zumindest ausreichend, um zu erkennen, dass Hannay nicht der Mörder sein kann. Damit ist eine Identifikationsperson gefunden, die es Hitchcock erlaubt, sein Publikum zu einem Akteur in dem Verstrickspiel zu machen.
Und viel Zeit zum Überlegen gibt es durch das stark angezogene Tempo nicht, weshalb jede Situation aufs Neue abgeschätzt und die möglichen Optionen gegeneinander aufgewogen werden müssen. Beginnend beim Tatort geht die skurrile Verfolgungsjagd durch ganz England und Schottland.

In Hinblick auf die weitere Filmographie Hitchcocks geben sich gerade in Bezug auf den Hauptdarsteller Parallelen, die später wieder aufgegriffen wurden. Mit seiner nur scheinbaren Verzweiflung über die Taten, die ihm vorgeworfen werden und einer tatsächlichen Lockerheit von bewundernswertem Ausmaß zeigen sich Verhaltensübereinstimmungen zum Gilbert Redman aus „The Lady Vanishes“, wenngleich dieser sich nie zur Selbstidentifizierung anbot. Dennoch geht auch von Richard Hannay eine gewisse legere Art aus, die den bei Hitchcock in verschiedenen Dosierungen stets beliebten Humor sichert. Und so gibt es schubweise auch immer wieder eine ordentliche Prise Humor zu genießen, gerade in den Dialogen mit den drei Frauen, die dem Flüchtigen auf seiner Reise begegnen. Leider ist die Dosierung diesmal nicht ganz so ausgewogen, so dass es manchmal zu extremer Komik kommt, dann aber wiederum eher angespannte Stimmung angesagt ist.
In seiner Funktion als Flüchtiger wird man allen voran an Cary Grants Figur in „Der Unsichtbare Dritte“ erinnert, jedoch auch an viele weitere Haupt- oder Nebenfiguren aus dem Hitchcock-Universum. Das lässt sich auch auf die Thematik übertragen, die sich einmal mehr mit Geheimdiensten, Agenten und Spionen auseinandersetzt, was bis hin zu „Topas“ immer ein Thema blieb.
Aber auch sonstige Meilensteine der Filmgeschichte lassen sich zumindest in Teilen auf „The 39 Steps“ zurückführen. Motive sind beispielsweise in Stanley Kramers „Flucht in Ketten“ zu erkennen oder auch in Andrew Davis' „Auf der Flucht“. Zumindest in Ansätzen bildete sich daher das Genre des Chaser-Movie auch auf dem Gerüst von „Die 39 Stufen“.

Neben dem Hauptdarsteller ist vor allem eine Art „Frauentrilogie“ von Interesse, die sich durch den Film zieht. Wie bekannt sein dürfte, ist die Zahl drei nicht nur im Film mit einer speziellen Zugkraft versehen. Hier verleiht sie dem insgesamt doch recht episodialen Film mit einer Dreiteilung bezüglich der Kontaktpersonen Hannays an Struktur und charakterisiert gleichzeitig ein Frauenbild, das wohl einer gewissen Perfektion gleichkommen sollte, die in einer Frau alleine nicht vereint sein könnte. Da hätten wir zunächst die geheimnisvolle Frau, die eine Stärke und Selbstständigkeit ebenso ausstrahlt wie die Gefahr und das Abenteuer. Dann lernt Hannay auf einer Zwischenstation in einer Landhütte eine Frau kennen, die blindes Vertrauen verkörpert, sowie eine bodenständige Ehrlichkeit; alte Werte, die durch die ländliche Umgebung noch verstärkt werden (es gibt an dieser Stelle auch einen kurzen Dialog über die Unterschiede zwischen dem von Gott geschaffenen Land und der vom Menschen geschaffenen Stadt) wie auch durch den Ehestatus der Frau. Sie ist die geistige Verbündete anstatt der körperlichen, da Hannay sie schon schnell wieder verlässt.
Den größten Anteil nimmt die letzte Frau ein, die allerdings auch zu Beginn bereits auftaucht und Hannay mit ihrem Misstrauen verrät. Kennt man die Vorlieben Hitchcocks, ist es nicht verwunderlich, dass ihr die größte Signifikanz zuteil wird, denn sie ist die blonde, kühle, berechnende und selbst denkende Frau, die zuerst misstraut, bis sie die gegenteiligen Beweise erhalten hat. Nach dem erstmaligen sporadischen Auftreten wird sie später zur gleichberechtigten Partnerin des Flüchtigen und vereint letztendlich eigene Charaktermerkmale mit Teilen von den vorhergehenden beiden Frauen. Sie ist der Mittelteil des Triptychons.

Über das Frauenbild bzw. die Individualität hinaus wird dann außerdem Gesellschaftskritik ausgeübt, die sich in einer sehr klug eingefädelten Szene mit dem Flüchtigkeitsstatus verbindet: als Hannay nach einer Verwechslung für einen Redner gehalten wird, fügt er sich in die Rolle, um seiner Verhaftung zu entgehen, und hält eine Rede. Eine Rede, in der er latent auf seine aktuelle Situation als vorverurteilter Unschuldiger hinweist und dies in den gesellschaftlichen Kontext setzt. Eventuell ist diese Szene aus heutiger Sicht etwas zu deutlich, als wenn uns Hitchcock mit unserer Nase direkt in die Botschaft hineindrücken würde, damit sie auch der letzte versteht; es ist aber nicht zu leugnen, dass er dies mit Stil tut, denn die Szene löst durchaus einen wohligen Aha-Effekt aus.

Was in „The 39 Steps“ fehlt, ist das Außerordentliche, das den Film über die reine Spannung hinaus zu etwas Großem macht. Es ist „nur“ ein temporeiches und (zumindest in der Zeit) adrenalinförderndes Chaser-Movie, das geschickt inszeniert und mit den altbewährten Zutaten veredelt wurde. Darüber hinaus ist dem Werk jedoch nur wenig zu entnehmen. Zudem erscheinen die Zutaten mitunter etwas klumpig und nicht so schön verteilt wie in anderen Filmen des Meisters, was sich darin bemerkbar macht, dass sich Humor, Spannung und romantische Lockerheit eher abwechseln als ergänzen. Dennoch haben wir hier ein Paradebeispiel flotter Spannung und aufregender Inszenierung, die sich auch in ihrem hohen Alter noch locker-leicht konsumieren lässt.

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