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The 39 Steps (1935)

Das Frühwerk von Alfred Hitchcock steht meist im Schatten seiner späteren, erfolgreichen Filme. Das ist nur natürlich, da sich Hitchcock kontinuierlich weiterentwickelt hat. Dennoch hält das Frühwerk einige Schätze bereit, und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen.

„The 39 Steps“ bietet eine typische Hitchcock-Story: Ein Unschuldiger gerät durch Zufall in eine Intrige, wird für ein Verbrechen beschuldigt, das er nicht begangen hat, und ist auf der Flucht vor Polizei und den wahren Übeltätern.
Der Plot ist vor allen Dingen eine perfekte Vorlage für Action und Suspense, so verwundert es nicht, dass Hitch diese Formel mehrmals gebrauchte, z.B. in „Saboteur“ oder in „North by Northwest“.
„The 39 Steps“ legt somit den Grundstein für den kommerziellen Hitchcock, er bietet nicht nur ein erstaunliches Tempo, auch wird die Geschichte geradlinig und leichtfüßig erzählt. Perfekte Unterhaltung eben.

Ehe der Zuschauer es merkt, ist er schon mittendrin in einer Spionagegeschichte, hier gibt es keine aufwendige Exposition, gleich die erste Szene ist relevant, ja, sogar entscheidend fürs Finale.
Richard Hannay (Robert Donat), ein kanadischer Tourist besucht eine Show, in der ein gewisser Mr. Memory auftritt, ein Erinnerungskünstler, der sich die verschiedensten Fakten merken kann. Auf einmal fällt ein Schuss, die Menge strömt hinaus. Eine junge Frau namens Annabella Smith hängt sich an Hannay, und geht mit ihm nach hause. Sogleich verrät sie ihm, dass sie eine Agentin ist, die verhindern will, dass eine wichtige Formel in die Hände von Spionen gerät. Das Hotel, in dem Hannay wohnt, wird bereits von Spionen belagert, dann wird die Frau ermordet. Hannay flieht, auf der Flucht vor den Spionen und der Polizei, die ihn für den Mörder hält.

Was den Anfang von „The 39 Steps“ so besonders macht, ist nicht nur die Rasanz, mit der die Geschichte vorangetrieben wird, sondern auch das Gefühl allumfassender Bedrohung, das nach nur weniger Zeit spürbar wird. Es reicht schon aus, dass die Agentin Annabella diffuses Zeug über einen Spionagering mit dem Namen „Die 39 Stufen“ erzählt. Es reicht schon aus, dass Hannay ihre Verfolger draußen auf der Straße erblickt, schwarze Gestalten, lauernd in den Schatten. In der ersten Hälfte des Films sind die Verfolger so gut wie unsichtbar, und daher rührt auch die Wirkung. Vage Andeutungen sind dem Assoziationsvermögen des Zuschauers nur dienlich, verhelfen dem Zuschauer dazu, die Leerstellen von allein auszufüllen. Im Kopf spielt sich die echte Action ab.
Nachdem die Agentin stirbt, ist Hannay auf sich alleingestellt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat keine Freunde, keine Verbündeten in Großbritannien, er scheint eine völlig andere Sprache zu sprechen, denn niemand versteht ihn, niemand glaubt ihm.
Als er im Zug zum ersten Mal auf seine spätere Gefährtin Pamela (Madeleine Carroll) trifft, glaubt sie ihm nicht, und will ihn am liebsten der Polizei ausliefern. Als er sich in Schottland in ein Haus flüchtet, glaubt der Hausherr, dass sich Hannay für seine Ehefrau interessiert.
Als er endlich seinen Treffpunkt erreicht, das Haus Professor Jordans (Godfrey Tearle), muss er entsetzt feststellen, dass Jordan zum Spionagering gehört. Hannay liefert sich sogar selbst der Polizei aus, doch auch diese Geste wird gänzlich missverstanden.

Wo Hannay auch hingeht, er stößt auf Unverständnis, Misstrauen, auf Feinde und Denunzianten. Er ist vollkommen allein. Auch als Pamela und er aneinandergekettet werden, hält sie ihn immer noch für einen Mörder.

„I know what it is to feel lonely and helpless and to have the whole world against me, and those are things that no men or women ought to feel.“

„The 39 Steps“ ist nicht nur ein temporeicher Spionagekrimi, indem es darum geht, die Bösen zu bekämpfen, und das Mädchen zu kriegen. Es geht auch um die profunde Einsamkeit des Protagonisten, dessen Welt sich scheinbar gegen ihn verschworen hat.

Hannay verliert zwar nie seinen Humor, und hat für jede Gelegenheit einen lockeren Spruch auf Lager, aber außer seinem Humor ist ihm auch nichts geblieben. Hannay ist kein strahlender Held mit losem Mundwerk, er ist ein verzweifelter Mann. Er ist jemand, der sich auf den Wahnsinn einlassen muss, um zu überleben.
„North by Northwest“ ist ähnlich konzipiert, doch konzentriert sich der Film weniger auf seinen Protagonisten als auf seine Schauwerte, von denen er selbstverständlich genug hat.
„The 39 Steps“ hat nicht das Budget von „North by Northwest“, so lastet das dramatische Gewicht des Films allein auf seinem Protagonisten.
Auch das Ende, das Hannay letztendlich erlöst, wird nicht ausgiebig zelebriert (wie in „North by Northwest“), nein, das Ende zeigt zwei Hände, die zaghaft nacheinander greifen, eine versöhnende Geste zwischen Hannay und Pamela- doch an Hannays Hand baumeln noch die Handschellen. So liegt auch in dieser Schlussszene etwas Zweifelndes, Zögerndes. Ein Happy End mit einem dicken Fragezeichen.

„The 39 Steps“ ist, ich wiederhole, ein temporeicher Krimi, dazu noch sehr witzig- aber zwischen den Zeilen spürt man eine starke Melancholie, die über allem schwebt, und die hallt noch lange nach.
Nicht schlecht für ein Frühwerk.

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