Das Haifilm-Genre muss dringend gerettet werden – ich ruf schnell Netflix an…!
Ja Freunde, es ist so, jedes (Unter-)Genre, speziell im Horrorbereich, kann man mal zu Tode reiten und die Filmindustrie wird das immer unweigerlich tun, hauptsächlich weil es ein Publikum gibt, dass sich auch gern zum 40.Mal den absoluten Grützefilm antut. So ward denn in den letzten 20-30 Jahren das Genre „Haifilm“ bis Oberkante Unterlippe verfilmt, vergröbert, verbilligt, parodiert, karikiert und diversen Mutationen unterworfen, die armen Viecher mit anderen Rassen gekreuzt oder ihnen am PC von irgendeinem Programmierwicht ein zweiter bis achter Kopf angeklebt und hinten hat man dann noch Tentakel dran montiert, Fortpflanzung egal, Fortsetzung aus dem Labor.
Also zurück zur Qualitätsware, was angesichts alberner großbudgetierter Popcornware a la „Meg“, kein leichter Weg werden dürfte, denn der gute alte Onkel „Jaws“, der nächstes Jahr 50 wird, ist und bleibt nun mal der Goldstandard, bei dem alle lieben Urenkelchen durchpausen dürfen.
Also Schreiberling, was hast du für uns?
Okay, also diesmal schwimmt der Hai in der Seine…
Gut, wem das jetzt schon bekloppt genug klingt, dem kann ich sagen, dass ja mal irgendwelche Amateure so einen Hai in den Lagunen von Venedig losgelassen haben und das Ergebnis fürchterlich ausfiel.
Aber „Sous La Seine“ ist – insofern kann man leicht beruhigen – tatsächlich besser als die gängige C-Produktion, hat der Film doch mit Xavier Gens einen genrebekannten Regisseur, ein beachtliches 20-Millionen-Budget und offensichtlich eine Armada von Computerkünstlern, die den Schmonzes zusammentricksen, egal wie deppert es geplant ist.
Also sehen wir uns den „Weißen“ des 21.Jahrhunderts mal an, der in Wirklichkeit ein „Mako-Hai“ ist, aber es geht ja auch mehr um die Beißerchen…
Alles beginnt an einem der schlimmsten Orte des Planeten: der im Meer treibende Müllkontinent im Pazifik.
Also er wäre ein wirklich schlimmer Ort, aber in diesem Film, unter wolkenlosen CGI-Himmeln, auf einem deutlich sichtbaren CGI-Boot mit CGI-Dünung und vollmundig abgerundet mit diesem „glossy look“ moderner Großbudgetfilme, sieht das alles ganz prachtvoll aus, als könne man das alles einzeln und feinsäuberlich vor dem Lunch aufsammeln.
Unsere Heldin, tough enough gespielt von Berenice Bejo, setzt sich für die Rettung der Haie ein, die für alle Ökosysteme wichtig sind zwecks Regulierung und nicht bejagt werden sollten. Man hat so einige der Fische mit Sender ausgestattet und möchte die natürlich mal kontrollieren.
Mächtig schwerer Fehler!
Das vierköpfige Tauchteam, darunter der Männe der Heldin, entdeckt erst ein im Fischernetz verendetes Pottwalbaby (this one for the Naturschützer!), dann seltsam viele Haie (in klein) und dann kommt der Sensorhai, welcher seltsamerweise fünfmal so groß ist wie er sein dürfte. Und dann ist Brotzeit angesagt mit viel Gehacktem.
Unsere Heldin jumpt natürlich bei so etwas gleich ohne Flasche hinterdrein, wird von „ihrem“ Hai noch in die Tiefe gezogen, büßt ihre Trommelfelle und ihre Reputation ein und auch etwas vom Lebenswillen. That's life!
Drei Jährchen later wechseln wir in die Seine-Metropole Paris, kurz vor diesen ominösen Olympischen Spielen, sie wissen schon, die grüne Fahrradstadt, die hier in diesem Film diesen glossy look in jeder Szene hat, weil ja immer gut Wetter ist…naja, ja sie wissen schon…
Sophia ist jetzt Dozentin (für das Wohl der Haie) und muss sich in ihren Führungen mit zwölfjährigen Arschlöchern rumschlagen, die ihr Videos ihrer Lebenstragödie unter die Nase halten (rumschlagen, aber leider nicht zuschlagen). Da wird sie von Mika kontaktiert: ungefähr zwanzig, Umweltaktivistin, Regenmantel, blaue Haare, im modernen Filmkontext damit höchstwahrscheinlich am gleichen Geschlecht interessiert (das wird später kurz bestätigt, spielt aber keine Rolle sonst). Mika gehört zu einer Gruppe, die sich ebenfalls für Haie engagiert und weil die Franzosen mit Sekundenkleber und Straßenkreuzungen gar nicht erst anfangen, haben sie und ihre Freunde in einem leer stehenden Gebäude eine Mischung aus Lounge-Medien-Hacker-Salon und Geheimdienstzentrale von Bondbösewichten aufgebaut (ja, die sind alle so 18-24 Jahre alt). Die Aktivisten können die Sender der Haie tracken und man glaubt es kaum: joah, Sophies Lieblingshai hat sich aus dem Pazifik auf den Weg um Afrika rumgemacht und ist nun mal eben die Seine hochgeschwommen und dümpelt vor der Ile de la Cité herum.
Bevor jetzt irgendwer Schnappatmung bekommt: ja, sie wissen alle, dass das unmöglich ist, weil ja Süßwasser tödlich für Haie ist und das alles (außer im Kontext, dass der Drehort vorgegeben war) überhaupt keinen Sinn macht.
Aber: und damit nehm ich mal den (Nicht-) Clou von sehr spät im Film vorneweg: mit den Schlagworten „Mutation“ und „neue Spezies“ kann man so ziemlich jeder Logikfrage gut begegnen.
Sophia ist wegen Trauma nicht gerade begeistert, kann sich dem Reiz aber nicht entziehen und die holden Aktivistinnen wollen natürlich alle Haie retten, deswegen gehen sie nächtens gleich mal in der Seine tauchen.
Auftritt des nächsten französischen Filmklischees: der muskelbepackte Ruhepol von der Wasserschutzpolizei namens Adil und seine Kollegen, freundlich, beherrscht und gut bebootet.
Natürlich glaubt der kein Wort von Haien in der Seine, doch seine Kollegen vom Tauchteam können bald bestätigen, dass da etwas im Fluss herumschwimmt und das Sonar gibt auch ein hübsches Bild.
Während ich mich freue, dass wenigstens die Seine ansatzweise in der Nacht so etwas wie eine leichte Trübung aufweist (anstelle der undurchsichtigen Suppe, die es sein müsste), geht der Film dann nach und nach den Fluss herunter.
Das beginnt damit, dass Aktivistin Mika zwar ihr Signal preisgibt, aber sobald drei Polizisten beim Tauchgang eben drauf angewiesen sind, lässt sie es ausschalten, weil „die ja den Hai töten wollen“, obwohl es dafür (noch) gar keine Veranlassung gab.
In der Folge klinken die wackeren Mädels in ihren schönen bunten Klamotten aber leider nach und nach psychisch aus, spätestens als sich der Hai aus der Seine in die parallel und tiefer liegenden Stadtrückhaltebecken zurückzieht.
Dort sieht es nicht nur später auch sehr glossy und sauber aus, dort will die gute Mika auch mit einem Sensor im Becken dem guten Hai den richtigen Weg ins Meer zeigen. So Marke Flipper und Rückenflossen kraulen.
Jaja, da kommt der Begriff „Last Generation“ von Herzen, denn was kompetent und modern beginnt, verwandelt sich in einen Haufen realitätsferner Hühner mit dem innigen Wunsch, jedes Wesen auf Gottes Erde mal so richtig zu herzen, solange man das filmen und für den Instagrammaccount verwenden darf.
Das geht natürlich – und hier ist die Stundenmarke erreicht – tierisch in die Binsen und mit der „shark panic“ in den nicht eben geräumigen Katakomben bringt der Film endlich was Griffiges in die Kamera, die monströse Tottrampelpanik ist durchaus vom Feinsten und nebenbei wird der halbe Cast gekillt.
Danach reden wir von den Aktivisten kein Wort mehr und wir kehren zurück zum ältesten Hut des Tierhorrorfilms: Paris – Olympia – in zwei Tagen ist ein Triathlon. Das Buffet wäre eröffnet. Dazu präsentiert der Film mit Anne Marivin die vermutlich grobschlächtigste Parodienkarikatur eines Stadtoffiziellen überhaupt (sie ist die Bürgermeisterin!), irgendwo zwischen dem Al Pacino auf Koks, Nicolas Cage und Elon Musk, wenn er seine Pillen nicht genommen hat. Kann man zwar irgendwie in Richtung Kritik an Politik, Lobbyismus, Verantwortungslosigkeit und Zynismus der Moderne verstehen, aber wenn so eine Figur ihre Mitarbeiter vor allen Rängen anbrüllt, doch bitte etwas zu vertuschen, dann wird aus Parodie Abstrusität.
Was dann folgt, kann sich jeder selbst gönnen, da hat sich der Film in Sachen Ökokommentar schon selbst entleibt. Natürlich übernimmt irgendwann die Armee und Sophia und Adil mit seinen Kollegen nehmen die Sache natürlich selbst in die Hand, was bedeutet, den Hai irgendwo mittels Sprengung zu begraben, weil…nein, Moment, das verdient Größeres…WEIL: ihr Lieblingshai nicht nur inzwischen Süßwasser durchschwimmen kann, nein, es kann sich inzwischen (Mutation, ihr erinnert euch?) auch aus sich selbst fortpflanzen, braucht also kein Männchen/Weibchen mehr. Und weil das ein Horrorfilm ist, hat die Mutation auch noch bewirkt, dass nicht ein Hai geboren wird (wie in der natürlichen Ordnung), sondern gleich ein 4000er-Schwarm auf einmal.
Das Finale ist schließlich ein Ausbund an idiotischem und unwahrscheinlichem Eskapismus, der aber bemüht zynisch dem Song von der Herstellung der alten Ordnung mal so richtig in den Refrain fährt und das genaue Gegenteil produziert, aber seht es euch an, sonst glaubt man es eh nicht. Ist zwar hirnrissig, aber die Schlusswendung ist noch das memorabelste und angesichts der menschlichen Vernunft das Zynischst-Gelungenste, was der Film hin bekommt.
Was ja auch generell sein größtes Problem ist: eine veritable Identitätskrise.
Denn Gens und seine Autoren (es sind reichlich!) wissen offensichtlich nicht, was sie da eigentlich produzieren sollen. Das ganze Sujet atmet nicht gerade klinischen Realismus (die Mutation des Fisches ist wohl nicht biologisch hinterfragt, sondern lediglich an das Notfallszenario angepasst) und was anfangs noch wie eine oberflächliche Kritik am Umgang mit der Umwelt wirkt (eine sehr, sehr polierte Oberfläche), verliert nach und nach jede Basis, wenn die Aktivisten sich trotz guten Ansatzes dann eher als eine Gruppe unreifer und schwer lebensmüder Weltverbesserer herausstellen. Die Produktion stellt zwar die streitbaren Pole einer Ökodiskussion zum Thema Ressourcenverbrauch, Politik und Machtbewusstsein heraus, überhöht und überzeichnet sie dann aber so grell, dass dabei nur eine hoffnungslos sarkastische Attacke unter der Flagge des Fatalismus herauskommt. Das bildet zwar zum Teil die Unfähigkeit und Unvereinbarkeit der Positionen ab, zieht die Situation jedoch nur ins Lächerliche, anstatt wirkliche Kritik zu formulieren oder sogar einen Lösungsansatz zu bieten. Wenn am Ende die „Fehler der Vergangenheit“ – in Form von offenbar Bruttoregistertonnen an deutschen und französischen Granaten, die seit 80 Jahren komplett unbemerkt auf dem Grunde der Seine liegen sollen – den nächsten Generationen die eh schon miesen Aussichten um die Ohren blasen, dann wirkt das wie ein Skriptkarneval ohne Verbindung zur Realität – geeignet nur für eine bierselige Sofasause für Stubenhocker und (nach meiner Sichtung) substanzdesinteressierte Digitalfilmkritiker, die auch noch die letzte Absurdität als große Unterhaltung abfeiern.
Das Ergebnis ist zwar nicht so mechanisch aufgebläht, wie etwa die modernen Meg-Filme, beschränkt sich aber trotz Potential auf ultraflache Oberflächenreize und ein wie nebenbei präsentiertes Postkarten-Paris, welches man wie in praktisch jeder Netflix-Prime-Action-Großproduktion als altgediente Kulisse visuell prima platt machen kann.
Und so kommt der Film fast doch noch ans Ziel: ein Publikum, dass diese leere Hülle als großer Spaß feiert, hat wirklich keine bessere Welt verdient.
Und auch wenn die Designer inzwischen passabel an die Realität gemahnende Hai per CGI realisieren können, wenn sie dann in Bewegung geraten und wieder das gute alte Sharknado-Formel-1-Tempo aus dem Stand fahren, dann bleibt mir da nur eine Prise Gehässigkeit. (4/10)