Im Wasser der Seine
Horror-Spezi Xavier Gens darf für Netflix den Haifilm neu beleben und säuft gnadenlos im brackigen Wasser zwischen Sharknado-Vibes und Jaws-Anleihen ab. Nur für den Streaming-Vielfrass, der nebenher ohnehin lieber seine Handynachrichten checkt.
Aha, jetzt gibt es also auch Haie in der Seine. Als Prämisse für einen trashigen B-Film aus dem ohnehin häufig tiefer gelegten Tierhorror-Genre ist das prinzipiell eine recht charmante Idee. Gerade, weil sie so dämlich ist. Wenn man allerdings mehr Jaws als Sharknado im Sinn hat, wird es kniffelig. Funktioniert hat es dennoch, zumindest wenn man den von Netflix selbst offen gelegten Zugriffszahlen glaubt. Wie viele diesen Nonsens allerdings gut gefunden haben, steht auf einem anderen Blatt, über das Netflix leider nicht verfügt. Aber fangen wir doch erst einmal mit dem Schrott, äh Plot an.
Es war einmal ein Hai-Forschungsteam um die toughe (Sophia Bérénice Bejo, diesmal wohl ohne Award-Chancen). Auf ihrer globalen Rettungsmission zur Erhaltung der Spezies treffen sie im pazifischen „Müll-Kontinent“ auf ein Exemplar, dass es eigentlich gar nicht geben dürfte. Ein viel zu großer, viel zu schneller und vor allem viel zu gefräßiger Hai reduziert das Team binnen weniger Sekunden auf ihre Anführerin. Monate später kommt es dann zur zweiten Begegnung zwischen der traumatisierten Sophia und dem expandierten Raubfisch. Müllig geht es auch hier zu, was nur zum Teil am verdreckten Wasser der Seine liegt.
Ja, der Seine. Irgendwie hat es das Vieh geschafft sich dem Süßwasser anzupassen. Der Film versucht glücklicherweise erst gar nicht diesen Unfug zu erklären und tritt die Flucht nach vorn an. Soll heißen, er türmt so viel zusätzlichen Unfug auf, dass man den Grundunfug um den Süßwasserhai glatt vergisst. Oder besser fast vergisst.
Da wäre zunächst eine Organisation junger Meeresschützer, die den Hai in Paris entdeckt hat und ihn nun sicher zurück ins Meer geleiten will. Obwohl er jetzt doch Süßwasser liebt, aber egal, bestimmt mag er beides. Woher die beiden Erstsemester-Studentinnen das Geld für ihr Hightech- Equipment und eine verborgene Forschungsbasis haben, fragen wir besser auch nicht. Es gäbe ohnehin keine Antwort. Gewissermaßen auf der Gegenseite steht die Pariser Flussbrigade um den zupackenden Adil (Nassim Lyes). Der glaubt den Humbug zwar zunächst auch nicht, aber angeschwemmte Körperteile mit eindeutigen Bissspuren machen ihn flugs vom Saulus zum Paulus. Zumal unsere Hai-Expertin Sophia ihn schnell von der unmäßigen Spinnerei der Aktivisten und der gefräßigen Killerei des Terroristen überzeugt. Bei der Pariser Bürgermeisterin ist sie weit weniger erfolgreich, schließlich steht die Triathlon-Weltmeisterschaft an und damit die Gelegenheit, Amt wie Stadt in gleißendes Scheinwerferlicht zu tauchen. Der böse Hai wiederum zeigt sich wenig beeindruckt von den opportunistischen Beweggründen der narzisstischen Stadtoberen und sorgt für die ein oder andere neue Bestzeit, zumindest auf den ersten Metern.
So viel zu Handlung, die ebenso zusammengewürfelt daher kommt, wie der Müllteppich zu Beginn des Films. Ein bisschen Umwelt-Problematik, ein bißchen Olympia-Bezug, ein bißchen Charakterdrama und im letzten Drittel ganz viel Trash. Denn während die erste Stunde in ernsten Tönen von traumatisierten Protagonisten die ihre kompletten Teams verloren haben (auf dem Meer die eine und im Krieg der andere) und von idealistischen Träumern die ihre Zukunft sichern wollen schwadroniert - wobei der einzige Tiefgang der des Wassers ist - , wird das Finale zur grellen C-Bombe, bei der CGI-Haie, eine Knallchargen-Politikerin und plötzlich erwachende Weltkriegsgranaten die Seine zuerst rot färben und dann für eine biblische Sintflut sorgen. Spätestens hier säuft nicht nur Paris, sondern der ganze Film ab, der - immerhin konsequent - in heillosem Chaos endet.
Der französische Horror-Profi Xavier Gens hat diesen Unsinn nicht nur dirigiert, sondern auch mit verfasst, Mitleid muss man also keines haben. Warum auch, der Netflix-Scheck dürfte üppig gewesen sein, das Streaming-Publikum hat die Couch nicht verlassen und ein zweiter Teil ist natürlich bereits im Gespräch. Dann bitte aber nicht wieder dilettantisch bei Spielberg klauen (Stichwort böser Bürgermeister, der alle Warnungen in den Wind schlägt, Stichwort Bündnis von örtlicher Polizei und Hai-Experte, Stichwort John Williams), nicht wieder bei der gebuchten VFX-Firma sparen und bitte nicht wieder einen doppelten Leistenbruch beim Spagat zwischen Sharknado-Plagiat und halbwegs seriösen Tierhorror-Thriller erleiden.