Windstärke: keine fliegende Kuh!
Das Original aus den 90ern war ein Höhepunkt der Katastrophenfilme und Meilenstein der Blockbuster seines Jahrzehnts, vor allem in Sachen Computereffekte. Kein perfekter Film, keine anspruchsvolle Kost, aber zusammen mit „Independence Day“ damals prägend für die Definition eines spektakulären Kinosommers aus der Traumfabrik. Top besetzt, laut, unterhaltsam, slick. Und da man heutzutage in Hollywood auch nach Jahrzehnten noch ungeniert Fortsetzungen aus dem Boden stampft anstatt auf neue Ansätze und Ideen zu setzen, wird einfach ein „S“ drangehangen und ein loses Sequel für den Kinosommer 2024 herausgeschleudert - und wieder folgen wir ein paar jungen „Tornadojägern“ beim Versuch die gigantischen und zerstörerischen Naturkatastrophen zu erforschen bzw. mit neuester Technik sogar eventuell unter Kontrolle zu bekommen…
Die Frisur sitzt (nicht mehr)
Ein bisschen zeigt „Twisters“ das Dilemma heutiger Blockbuster, Fortsetzungen und allgemein von Hollywood auf. Sicher kein schlechter Film, solide Sturmstärke, brauchbare Unterhaltung, keine vertanen zwei Stunden. Aber dann doch irgendwie seelenlos. Dann doch nie auch nur ansatzweise mit dem Wow-Faktor seines Vorgängers. Weil sich die Zeiten, die Erwartungen, das Gewohnte, wir als Publikum verändert haben. Weil sich auch die Macharten und die Wirtschaftlichkeiten einer solchen Produktion verändert haben. Die Welt ist nicht mehr dieselbe wie 1996 - und das betrifft die Natur und Wetterphänomene, das Klima mehr noch als die Filmbranche selbst. Unter all dem (und dem stoischen Ignorieren dessen) leidet „Twisters“ durchaus. Powell ist kein Paxton, Edgar-Jones keine Helen Hunt. Es fehlen Haptik, es fehlt Chemie, es fehlt Authentizität, es fehlen fühlbare Figuren fernab von Klischees und Mustern. Und selbst die riesigsten Monster von Wirbelwinden haben einfach nicht mehr denselben Impact, verbreiten nicht mehr dieselbe Angst. Übrigens auch nicht bei Heranwachsenden. Man hat ehrlich gesagt ein wenig die Magie und das Erstaunen verloren vor diesen CGI-Massen. Obwohl hier Himmel und Windstärken durchaus oft fabelhaft aussehen. Doch „Twisters“ wirkt eben wie sehr berechnetes und berechnendes Blockbusterkino - und „Twister“ wirkte damals unberechenbar wie eine fliegende Kuh! Sehr amerikanisch. Pluspunkt: der Countrypopsoundtrack passt ganz gut. Ändert aber nichts an der Glätte, der Austauschbarkeit, dem Stürmen nach Zahlen.
Fazit: mit dem Original kann „Twisters“ nicht konkurrieren. In seine Fußstapfen treten kann/muss er aber doch irgendwie. Für eine neue Generation. Mit neuen Effekten. Etwas flach, etwas hohl. Aber als stürmische Sommerunterhaltung solide. Nur nicht zu viel erwarten oder nachdenken. Und hoffen, dass er im Heimkino ähnlich aufdreht wie „Twister“ eh und je - denn auditiv war das immer große Kunst und echte Referenz!