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Dashiel Hammets „The Maltese Falcon“ und Raymond Chandlers „The Big Sleep“ sind nicht nur die einflussreichsten Hard-Boiled-Romane, auch ihre Verfilmungen durch John Huston und Howard Hawks gehören zu den wichtigstens Film Noirs.
Hustons „The Maltese Falcon“ war bereits 1941 erschienen, 5 Jahre später nahm sich Hawks Chandlers Klassiker an, in dem dessen Aushängeschild, der Privatdetektiv Philip Marlowe (Humphrey Bogart) in klassischer Genremanier einen vermeintlich simplen Auftrag erhält: Einen Erpresser loswerden, notfalls ausbezahlen, der den alten General Sternwood (Charles Waldron) mit angeblichen Spielschulden seiner Tochter Carmen (Martha Vickers) belästigt. Hawks’ und Bogarts’ Interpretation der Marlowe-Figur bleibt dem Roman treu, ein zynisch-abgeklärter Privatschnüffler mit lakonischem Humor – ein bis heute prägendes Bild dieses Rollentypus.
In Anlehnung an die Vorlage werden bereits neue Fährten ausgelegt, neue Hauptfiguren eingeführt und neue Themenkomplexe angerissen ehe Marlowe das Sternwood-Anwesen verlässt: Vivian (Lauren Bacall), die ältere Tochter des Generals, ruft den Privatschnüffler zu sich und fragt ob er ihren Ex-Mann finden solle, der sich vor einiger Zeit absetzte und den der General sehr schätzte.

Marlowe ermittelt den Erpresser, beschattet dessen Haus und hört eine Schießerei – den Mann findet er nur noch tot vor, außerdem eine unter Drogen stehende Carmen, von der unanständige Fotos geschossen wurden. Und das ist erst der Anfang…
Hawks’ stilbildender Film hält sich über weite Strecken sehr deutlich an Chandlers Romanvorlage – bis hin zu der berühmten Anekdote, dass Hawks bei Chandler anrief, wer denn nun genau eine bestimmte Figur umgebracht habe (was die Romanvorlage nicht exakt auflöst), worauf Chandler ihm antwortete, dass er das selbst nicht wisse. Die verschlungenen Plots, die zwei verschiedenen Fälle, die in Wahrheit zu ein- und derselben Geschichte gehören, all das, was die Spannung in „The Big Sleep“ ausmacht, sollte zu einem Standardtopos sowohl des Hard-Boiled-Romans als auch der davon inspirierten Filme werden. Unter anderem deshalb, weil „The Big Sleep“ trotz kleinerer Schönheitsfehler ein großes Maß an Spannung aus der Konstellation kratzt und einen darüber die Lücken in der Geschichte vergessen lässt.
Wobei der Film in zwei Gesichtspunkten dann doch merklich von der Vorlage abweicht. Zum einen wären dann da die Zugeständnisse an den Production Code, der zur Entstehungszeit galt: Im Gegensatz zum Buch sieht Marlowe Carmen nie nackt, ihre aggressive Sexualität wird bestenfalls angedeutet und auch bei der Erpresserfigur werden bestimmte Details nicht ausgesprochen, sodass sie im Zweifelsfall nur bei Kenntnis der Buchvorlage auffallen, so z.B. die Tatsache, dass das geheime Geschäft, dass er betreibt, der Verleih pornographischer Bücher ist und dass er mit seinem engsten Vertrauten in einem homosexuellen Verhältnis lebt. Diese Zugeständnisse waren wohl nötig, zum Schluss des Films nehmen sie allerdings die Schärfe aus der eigentlichen Geschichte, wenn der Film andeutet, *SPOILER* dass Carmen eventuell doch nicht die Mörderin des Verschwundenen ist, sondern ihr das nur eingeredet wurde, während im Buch ganz klar ist, dass sie eine Psychopathin ist. *SPOILER ENDE* Wobei Hawks es glücklicherweise bei der Andeutung belässt, man das Ende also auch im Sinne des Buches verstehen kann.

Der zweite Gesichtspunkt ist der starke Ausbau der Rolle Vivians, vermutlich um aus dem Spiel des realen Ehepaares Bogart-Bacall noch zusätzliche Attraktion zu schlagen. Also gibt es mehr romantische Anwandlungen Marlowes, mehr Wortgefechte zwischen Detektiv und Generalstochter, womit der Film ein klein wenig in Richtung von Hawks’ Screwballokomödien tendiert – was aber vollkommen legitim ist, denn ein Film ist ja auch nur eine Adaption des Ausgangsmaterials. Und düster genug ist „The Big Sleep“ immer noch, denn die Endcredits erlebt nur ein Teil der Figuren und auch die Handlungen der Charaktere bestätigen das negative Menschenbild des Zynikers Marlowe.
Genau dieser Typ zeichnet ja auch die Paraderollen Humphrey Bogarts aus, der sich mit Filmen wie „The Maltese Falcon“ und „Casablanca“ zur Symbolfigur des zynischen gekränkten Idealisten entwickelt hatte und damit wohl die ideale Verkörperung des legendären Philip Marlowe darstellen dürfte. Lauren Bacall in der weiblichen Hauptrolle als undurchsichtige Generalstochter ergänzt ihren Ehemann prima, während der Rest des Ensembles unscheinbar, aber doch zuverlässig spielt.

„The Big Sleep“ ist nicht nur ein sehenswerter Klassiker, sondern auch eine Adaption, die zwar zu großen Teil werktreu ist, andrerseits aber auch eigene Akzente setzt und so nicht zum stupiden Abfilmen des Romans verkommt. Manche Änderungen (wohl aufgrund des Production Codes) sind weniger schön, man muss sie aber als notwendiges Übel hinnehmen – und spannend ist der Film sowieso.

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