Wenngleich Humphrey Bogart als Sam Spade in Die Spur des Falken stilbildend für eine ganze Ära von Film Noir Privatdetektiven war, so findet sich der Höhepunkt seines Rollentypus doch erst unter Regie von Howard Hawks in Tote schlafen fest, wo Bogart Raymond Chandlers Romanfigur Philip Marlowe verkörpert. Beinahe wäre es dabei gar nicht zu dem Film gekommen, den wir heute genießen.
Die Arbeiten begannen 1944 und bereits 1945 war Tote schlafen fest abgedreht, wurde jedoch von Warner zurückgestellt, da man sich zum Ende des zweiten Weltkrieges von kriegsbezogenen Stoffen mehr Erfolg versprach. Dann kam es zur folgenschweren Entscheidung. Um Lauren Bacalls Karriere gegen über der schweren Kritik an Jagd im Nebel zu richten, sollte sie charakterlich näher an ihren Erfolg in Haben und Nichthaben heranreichen. Ein Jahr nach Fertigstellung wurden also Szenen nachgedreht und einzelne Dialogpassagen synchronisiert. Ganze Sequenzen wurden verändert oder gekürzt.
Als Tote schlafen fest schließlich 1946 in die Kinos kam, durfte sich das Publikum einer surrealen Kaskade aus Zynismus und erotischer Spannung gegenübergestellt sehen. Für wahr, dieser Film macht es seinem Zuschauer nicht einfach zu folgen. Von zwei Autoren ohne jeglichen Kontakt zueinander aus- und dann zum Abschluß als Ganzes überarbeitet kam unter anderem die Frage auf, wer denn Owen Taylor ermordet habe. Ein Anruf bei Chandler sorgte für Gewißheit – dieser wußte es selbst nicht.
Dies legt vielleicht eine Herangehensweise an das Werk nahe, die schnell als “Style over Substance” mißverstanden, einem jüngeren Publikum vielleicht am ehesten über David Lynchs Attitüde zu Mulholland Drive verdeutlicht werden kann. Als Mittler der chandlerschen Geschichte bewirft uns Hawks in Tote schlafen fest förmlich mit einem halben Telefonbuch voller Namen und Figuren, die in einem Netzwerk aus Lüge und Intrige immer eine Hintertüre offen haben, um den Plot zu einem Paradigmenwechsel zu führen.
In einem zunächst einfachen Erpressungsfall ist der Privatdetektiv nun für uns zentrale, mittels Bogart und die Musik Max Steiners vertraute Identifikationsfigur, denn der ausschließlich in Studiokulissen gedrehte Film Tote schlafen fest bietet keine von seinem Protagonisten gelöste Szene. So ist die Wahrheit ultimativ über den Kenntnisstand des Helden definiert, welcher in seiner Kunstsprache der Hard-Boiled-Natur nur scheinbar stetig seinen festen Stand in einem Mummenschanz bewahrt, welcher ihn einem Traum gleich unkonntrollierbar hin und her wirft.
Diese somnambule Atmosphäre wird nur gesteigert durch den Umstand, daß sich der Privatdetektiv Marlowe dauerhaft mit der sexuellen Versuchung der ausschließlich attraktiv besetzten Damenwelt konfrontiert sieht. Bedingt durch den Hayes Code entstehen hierdurch wunderbare Szenen eindeutig zweideutiger Konnotation, welche sich bis in die Endtafel durchsetzen, in welcher zwei brennende Zigaretten in einem Aschenbecher beisammen liegen. Gerade aber, weil wir im Schlafe oftmals Bilder in ihrer Aussage ungleich der Darstellung betrachten, scheint sich Howard Hawks’ Umsetzung von einem Realismus gänzlich zu entfremden.
Wie sein Protagonist offenbart er einen Spieltrieb, dem die Kontrolle über seine Umgebung dabei nicht immer voll zu eigen ist. Auch er muß sich einem Spiel ergeben, welches Autoren, Auflagen, Produzenten und nicht zuletzt die Schauspieler durch ihre Interpretation steuern. Wie der Held in Tote schlafen fest doch irgendwie voran kommt, so verzeiht man als Zuschauer unbewußt wurschtige Ignoranz an manchen Details, weil die Fülle der Informationen und die geschickt inszenierte Obsession an den einzelnen Stimmungen gar keine Zeit lassen die Willkürlichkeit zu beurteilen, die am Ende doch nur wieder den Kreis zu einem exzessiven Surrealismus schließen würde.
Feste Strukturen und Codes haben uns auf ein Erwartungsschema konditioniert, welches uns Fragen stellen läßt, die hier niemand beantworten will. Am ehesten genießt man Tote schlafen fest wohl, in dem man sich selbst von seinen Erwartungen löst. Howard Hawks scheint die Funktion der Traumfabrik Hollywood wörtlich zu nehmen und läd den Zuschauer zu einer Reise ein, die Abgründe der menschlichen Psyche offenbart. Deshalb scheint es nur richtig, daß man sich in Humphrey Bogart gegen den von Raymond Chandler bevorzugten Cary-Grant-Typus entschieden hat. Bogart paßt viel besser in dieses Werk, was gemessen an den nahezu fetischistisch stilisierten Frauenfiguren vielleicht doch eher eine Männerphantasie beschreibt.