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Marvels Jesus rollt sich den Stein über die eigenen Füße

Da ist er, der womöglich größte R-Rated-Film aller Zeiten und der propagierte Neustarter, der Aufmischer, der Retter des Marvel Cinematic Universe. Deutlich nicht „Deadpool 3“ - dafür ein spontaner, blutiger Exkurs mit zwei äußerst beliebten und gegensätzlichen „ziemlich besten Feinden“: die TVA will Deadpools Zeitlinie ein für alle mal auslöschen, weil dort die wichtigste Figur (Wolverine in „Logan“) gestorben ist. Doch das lässt sich wie zu erwarten der Merc with a Mouth nicht ohne Gegenwehr gefallen und er besorgt einen Ersatz - was das ganze Kuddelmuddel und ihre Verbannung in „The Void“ nur noch weiter ankurbelt…

Brüder im infantilen Geiste

Wenn Kevin Feige lauthals meint, dass „Deadpool & Wolverine“ für das MCU fast so wichtig und spielentscheidend sei wie die beiden letzten „Avengers“, dann ist das gelinde gesagt mit Vorsicht zu genießen. Und härter gesagt ziemlicher Bullshit, zumindest inhaltlich und charakterlich gesehen. Denn wirklich geändert oder weichengestellt wird hier fast null. Aber vielleicht meinte er das ja auch passend zum Film im Metasinne - denn wenn „Deadpool & Wolverine“ für das MCU nicht endlich wieder ein Milliarden-Überhit wird, welcher Film dann?! Für all dieses Gegrummel kann der Film an sich wenig - und er ist weitestgehend echt spaßig, frech, ungeniert, nerdig. Es gibt eine Menge zu entdecken für Fans der Materie, Reynolds dreht nochmal voll auf (seine Art sollte einem also noch nicht allzu aus dem Hals hängen, damit das Ding 'ne Chance hat) und vor allem seine Connections zu Marvelfilmen von vor 20 Jahren sind beachtlich, mutig, toll. Ohne allzu viel zu spoilern oder Gastauftritte preiszugeben - über die (leider) wahrscheinlich mittlerweile eh schon jeder informiert ist in der heutigen Kultur. Der Härtegrad ist fein, die Chemie zwischen den beiden Hauptmännern funktioniert, die Chameos lassen jeden zumindest grinsen, das Tempo ist halsbrecherisch, der Soundtrack ist teuer. Daher ist „Deadpool & Wolverine“ als kalorienarme Haudrauf-Unterhaltung für den Massenmarkt sicher kein Misserfolg.

Everyone must stand alone…?

Dennoch hat er meiner Meinung nach auch seine klaren Krähenfüße. Der Look ist oft unfassbar artifiziell, vor allem die Hintergründe und „The Void“ an sich können Augenkrebs verursachen. Die Bösewichtin halte ich für austauschbar bis weglassbar. Einige emotionalere Momente und Handlungsstränge von und mit Wolverine kommen zu kurz, werden nur angedeutet, verlaufen im Sand. Es gibt viel zu hektisch und unübersichtlich geschnittene Actionsequenzen. Etliche Witze treffen auch mal nicht, so ehrlich muss man sein, dafür gibt’s hier einfach zu viele. Und insgesamt fühlt sich das eher an wie eine nebensächliche Marvel-Nummernrevue für Erwachsene mit Schwung, (zum Teil arg gewollter) Unverschämtheit und Spaß bei der Sache. Für mich nahezu vollkommen ohne Nachwirkungen oder Auswirkungen, Fallhöhe oder Ernsthaftigkeit. 

Ey Mann, wo ist mein Fantastic Four-Auto?!

Fazit: trotz famosem Tempo, starkem Goregehalt, solider Buddy-(Hass-)Chemie und einem gewohnten Gagfeuerwerk - für mich der schwächste & leerste Deadpool. Aber immer noch schön saftig, spontan und unterhaltsam. Allein schon durch seine etlichen Easter Eggs, die weiterhin rebellische Attitüde und vor allem - und das ist allerhand - sein Laut pochendes Herz für eine vorübergegangene Ära der Superhelden a la „Elektra“ oder „Blade“. Doch vielleicht ist das auch die größte Fehleinschätzung des momentanen MCU: zu meinen, selbst nicht in diese Gruppe zu gehören und mehr zu sein, weiterbestehen zu können, um jeden Preis… 

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