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Zwischen Predigt und Psychospiel

Scott Beck und Bryan Woods, deren Ruf als Architekten des modernen Suspense spätestens seit „A Quiet Place“ gefestigt ist, präsentieren hier einen Thriller, der sich nicht damit begnügt, Spannung zu erzeugen, sondern mit sichtlicher Lust am großen Thema Religion rührt – unerschrocken, provokant, manchmal pathetisch, oft beeindruckend. Die ersten 30 Minuten des Films sind ein Paradebeispiel dafür, wie man Suspense, Atmosphäre und intellektuellen Nervenkitzel in eine beinahe sakrale Filmerfahrung verwandelt. Doch wie so viele Predigten verliert auch „Heretic“ im Verlauf die innere Glut und driftet, trotz seiner Ambitionen, in erzählerisches Fahrwasser ab, das eher bekannt als erleuchtend wirkt. Dafür glänzen die Darsteller, allen voran ein Hugh Grant, der mit so viel diabolischem Charisma auftritt, dass man ihm selbst die absurdesten Erkenntnisse abnehmen möchte.

Der dramaturgische Aufbau von „Heretic“ ist auf den ersten Blick schlicht: Zwei junge Frauen (Sophie Thatcher und Chloe East), auf Missionsarbeit für ihre Glaubensgemeinschaft unterwegs, ziehen von Tür zu Tür, bereit, Seelen zu retten oder wenigstens die frohe Botschaft zu verteilen. An einer dieser Türen öffnet ein kultivierter älterer Mann – einer jener Herren, bei denen man sich instinktiv fragt, ob sie eher Tee servieren oder das nächste moralische Schachspiel einläuten. Man ahnt: Letzteres. Hugh Grant, in seiner wohl überragendsten Rolle seit Jahren, verwandelt diese scheinbar harmlose Ausgangslage in einen diskursiven Sog, in dem Mission, Macht und Manipulation aufeinandertreffen. Was folgt, ist ein klaustrophobisches Kammerspiel, das mit religiösen Motiven jongliert und dabei durchaus subversive Impulse setzt. Beck und Woods spielen mit dem Verhältnis zwischen Dogma, moralischer Identität und persönlicher Wahrheit – Themen, die im Thrillerkino oft nur plakativ angedeutet, hier jedoch mit überraschender Ernsthaftigkeit verhandelt werden.

In der ersten halben Stunde ist der Film dialogstark, kontrolliert, voller subkutaner Spannung. Beck und Woods demonstrieren eine erstaunliche Präzision darin, das psychologische Terrain zu vermessen, ohne die Figuren bloß als dramaturgisches Zubehör zu behandeln. Die Dialoge schneiden messerscharf in Fragen nach Glauben, Identität und moralischer Autorität. Ein Thriller, der zunächst fast an eine philosophische Versuchsanordnung erinnert. Doch sobald sich der narrative Raum weitet, beginnt die Perfektion zu bröckeln. Die zweite Hälfte des Films schlägt einen konstruierteren, weniger zwingenden Weg ein. Was als eng geführtes psychologisches Kammerspiel begonnen hat, wird zunehmend in die Mechanik klassischer Thrillerkonventionen überführt – ein Wechsel, der sich nicht immer organisch anfühlt.

„Heretic“ trägt sein zentrales Thema nicht wie ein Requisit vor sich her, sondern verwebt es in jede Faser des Films: Religion als Identität, als Machtinstrument, als moralischer Spiegel. Die religiösen Diskurse, die Beck und Woods anstoßen, sind überraschend vielschichtig. Es geht um Glaubenssysteme – jene, die wir geerbt haben, jene, die wir wählen, und jene, denen wir uns ausgeliefert fühlen. Dabei verfällt der Film nie in billig polemische Muster. Er stellt Fragen, statt Antworten zu verkünden, und das ist tatsächlich bemerkenswert in einem Genre, das häufig nach schnellen Lösungen verlangt. Die Atmosphäre – vor allem im ersten Drittel – ist konzentriert wie ein Brennglas. Dass der Film diese hermetische Intensität nicht durchgehend halten kann, ist bedauerlich, aber vielleicht auch verständlich. Ein Kammerspiel dieser Art verlangt Präzision bis zur letzten Szene – und „Heretic“ erlaubt sich, gerade im Mittelteil, ein paar erzählerische Abzweigungen, die die zuvor erzeugte Spannung abtragen. Atmosphärisch bleibt der Film jedoch stets bemüht, seine Grundstimmung des latenten Unbehagens zu bewahren, auch wenn sie nicht mehr die gleichen Nadelstiche setzt.

Wenn man „Heretic“ auf ein einziges essentielles Element herunterbrechen müsste, wäre es Hugh Grant. Er spielt hier eine seiner faszinierendsten Rollen seit Jahren – ein Mann zwischen Charmanz und Wahnsinn, zwischen kultivierter Freundlichkeit und bedrohlicher Überlegenheit. Sein Spiel ist eine Machtdemonstration der leisen Töne, der verbalen Wendewürfe, des unterschwelligen Schreckens. Grant genießt jede Silbe, jede Pause, jede Wendung. Er agiert brillant unsympathisch, verführerisch manipulativ und schafft eine Art intellektuellen Horror, der mehr auf Präsenz als auf Effekte setzt. Doch auch Sophie Thatcher und Chloe East liefern hervorragende Arbeit. Die drei zentralen Performances sind definitiv das Rückgrat des Films – und oft auch der Grund, warum er selbst in den schwächeren Momenten nie völlig entgleist.

Fazit

„Heretic“ ist ein ambitionierter, stellenweise hervorragender, insgesamt jedoch durchwachsener Thriller, aber einer, der in seinen stärksten Momenten zeigt, wozu das Genre fähig sein kann: psychologisch vielschichtig, atmosphärisch prägnant, thematisch mutig. Die ersten 30 Minuten sind dicht, klug gebaut, schauspielerisch makellos. Doch die zweite Hälfte wirkt gelegentlich zu konstruiert, verliert die filigrane Spannung und driftet in vorhersehbarere Bahnen. Hinzu kommt ein enttäuschendes Ende, das zu wenig Wucht und Konsequenz besitzt. Trotzdem: dank eines überragenden Hugh Grant und zweier sehr starker Jungdarstellerinnen bleibt „Heretic“ ein sehenswerter Film – einer, der zwar seine Versprechen nicht alle einlöst, aber genug Substanz hat, um mit fein zugespitzter Erzählkunst und angenehm leichter Unterhaltsamkeit zu überzeugen.

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