Review

"...This is my commitment

My modern manifesto

I'm doing it for all of us

Who never got the chance

For a handful

And all my birds of paradise..." - aus dem Song Get Free von Lana Del Rey

Die Filmemacher Bryan Woods und Scott Beck gingen mit ihrem spärlich besetzten und auf engem Raum spielenden Heretic einige Risiken ein. 110 Minuten, die fad hätten sein können, und ein Schauplatz, der einer gedrückten Theaterbühne gleicht. Themen wie Religion, Philosophie, Moral und Wahnsinn, nun, diese Formel hat in den letzten fünfzig Jahren sehr viel, vielleicht zu erlebt. Woods und Beck haben mit Heretic diese Risiken umschiffend einen hervorragenden Brocken Horror geschaffen, welchen ich mir die letzten Wochen ein paar mal angesehen habe. Mal allein, mal mit anderen, ja, das ist wieder mal ein Film, der früher enorm von Mundpropaganda profitiert hätte. Heretic ist unvorhersehbar, wild und geschliffen boshaft, manchmal albern und verspielt, aber durchweg von einem sehr harten Unterton gefertigt. Filmisches Sperrfeuer!

Im Auftrag der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, klopfen die Schwestern Paxton (Chloe East) und Barnes (Sophie Thatcher) an einem stürmischen Abend an die Tür von Mr. Reed (Hugh Grant), um ihn so ein bisschen zu Bekehren.

Und mehr sollte man vorher auch gar nicht wissen, wobei der Trailer zum Film gar nicht so offensiv geraten ist, wie man das sonst so gewohnt ist. Heretic lebt zu einem guten Teil davon, dass man nicht so recht weiß, wo und wie die drei Reisenden mitsamt dem Zuseher hingehen, auch wenn durchaus klar ist, dass Mr. Reed eine Ahnung hat, ein Konzept für diese Art gläubigen Besuch verfolgt. Das ist gut und meist sogar genial inszeniert. Die Macher werden ihrer komplexen Bühne gerecht. Überall strotzt es vor Details, das schwere und abgegriffene Interieur von Mr. Reeds' recht großem Haus ist bestechend und originell, sämtliche Kameraeinstellungen und Schnitte lassen es nicht an Tempo, Finesse und Abwechslung fehlen. Licht, Grau und Schatten sind wunderbar schaurig eingefangen und generieren einen spezielle, zynische und gefährliche Atmosphäre.

Die paar Akteure überzeugen ebenfalls. Die drei Hauptfiguren sind allesamt großartig. Ihretwegen reißt der Film absolut mit. Thatcher und East machen das ganz großartig, vermitteln feste Glaubensabsichten, auch ins Wanken geratenen Unglauben, Unbehagen und Zweifel, gehen nach und nach in Nervosität und Angst völlig an Grenzen. Der Druck, der auf die beiden durch das Haus und Mr. Reed lastet, wird zusehends immer heftiger. Auch wenn Heretic kein plärrendes Surround-Dauerfeuer ist, lohnt sich der 5.1-Klang ganz besonders, ein dunkler Raum und ein großer Bildschirm können hier zusätzlich Punkten. Wer gerade Kids im richtigen Alter hat, die im Religionsunterricht zugegen sind, sich, ihre Eltern und alle Menschen rundum allerlei komisches Zeugs fragen, ja, immer vor den Bildschirm mit den jungen Novizen! Heretic ist von Anfang bis Ende kreativ eigensinnig und auf eine komisch Art packend zurückhaltend, auch wenn es mir schwer fiel, mich emotional auf eine Seite zu schlagen. Denn Hugh Grant spielt diesen kultverdächtigen Mr. Reed dermaßen überbordend und feurig, dass einem trotz aller flapsiger Böswilligkeit der Atem stockt. Hugh Grant hat richtig daran getan, solche fahl diffusen Rollen nur sehr selten zu spielen, denn dem ehemaligen Sonnenschein von einst traut man so eine sinistre Performance fast nicht zu. Doch Grant ist bisweilen überaus charmant und interessiert, interessant und sanft, finster und eloquent, dann wieder stumm und abwesend, das pure Böse in groß aufgefahrener Komplexität. Grants schattig faltiges Gesicht erscheint dabei wie eine kalt zerfurchte Kraterlandschaft, aus der eine geniale These über Gott und die Welt nach der anderen strömt.

"...She's runnin' out the door

She's runnin' out

She run, run, run, run

Run..." - aus dem Song Creep von Radiohead

Ohne ein verdammt starkes Skript wären sowohl Akteure wie Bühne nix. Heretic versteht es auch hier den Zuschauer unangenehm anzugreifen und ihn hier und da harsch in den Magen zu schlagen. Vor zwei, drei Jahrzehnten wäre das sicher noch viel eindrucksvoller gekommen, aber selbst in den zerfahrenen Massen der Horrorfilmlandschaft, sticht Heretic wundersam anrüchig heraus. Höhepunkt ist sicherlich die allseits gefeierte Sequenz, in welcher Mr. Reed den jungen Frauen eine brillant ineinander hakende Analogie über verschiedene Ausgaben von Religion, zwei Brettspiele und fantastischer Musik auffährt, die so immanent geschrieben und gespielt ist, dass sie noch lange nachhallt. Selbst im dritten Genuss dieses spielerisch ketzerischen Films, kommt man nicht umhin, dass mit breitem Schmunzeln und düsterer Miene zu genießen. Es würde Spaß machen, darauf näher einzugehen, aber das muss man schon selbst gesehen haben, um es wirklich zu greifen und darüber zu feixen. Grandios, wirklich grandios! Heretic erreicht diese Höhe im letzten Drittel zwar nicht mehr, aber das Niveau der Monologe, der Aktionen und Reaktionen, ist bis kurz vor Schluss immer noch sehr hoch. Besonders in der Konstruktion des verwinkelten Hauses liegen rätselhafte Ebenen und dick schwelende Schichten. Heretic stellt das Publikum durch Mr. Reed hindurch immer mal vor die unwegsame Wahl, vor sorgsam verzierte Türen und hart gezogene Entscheidungen mit eigentlich unvereinbaren Gegensätzen. Am Ende immer derselbe Abgrund und zwinkernde Zaubertricks.

"If I could make a wish

I think I'd pass

Can't think of anything I need..." - aus dem Song The Air that i breathe von The Hollies

Mich hat der Film ungemein beindruckt und dürfte auf lange Sicht losgelöst gut bleiben. A24 lässt sich weiterhin nicht lumpen. Selten lagen 10 Punkte so nahe, denn drei Viertel vom Film sind beispiellos! Doch hintenraus hätte ich mir zum einen mehr Drastik und Marter gewünscht, zum anderen hätte ich den Film ohnehin ganz anders ausgehen lassen. Wobei, nun, man muss den Filmemachern schon Respekt zusprechen, denn einen Weg zurück, so wie er hier gewählt worden ist, und zwar auf allen Ebenen, den gibt es nicht. Ein bisschen wie Monopoly spielen.









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