Review

Mel Gibsons Bruchlandung im Mittelmaß

Wenn man den Namen Mel Gibson liest, erwartet man automatisch Großes. Einen Regisseur, der das filmische Schwert so elegant schwingt wie einst William Wallace auf dem Schlachtfeld. Einen Mann, der Blut, Schweiß und Pathos in Bilder gießt, die sich ins cineastische Gedächtnis brennen. „Braveheart“, „Die Passion Christi“ „Apocalypto“, „Hacksaw Ridge“ – allesamt Werke, die aus Leidenschaft, Vision und einem unbändigen Willen zur Wucht geboren wurden. Und dann kommt „Flight Risk“ – ein Film, der so klingt, als wolle Gibson sich selbst parodieren, aber leider vergisst, dabei unterhaltsam zu sein. Statt Adrenalin und Erhabenheit bekommt man Turbulenzen im Niemandsland zwischen Fernsehfilm und B-Movie.

Was hier abhebt, stürzt auch schnell wieder ab. Nach 90 Minuten, die sich länger anfühlen, als jede Dschungel-Expedition in „Apocalypto“, bleibt ein seltsam leeres Gefühl: War das wirklich von Mel Gibson? Der Mel Gibson, der sonst mit filmischer Raserei und archaischer Kraft Geschichten erzählt, die einem das Blut gefrieren lassen? Oder war das ein Direct-to-Streaming-Versuch eines übermüdeten Regieassistenten, der heimlich den Regiestuhl besetzt hat?

Die Prämisse ist auf dem Papier durchaus vielversprechend. Ein Pilot (Mark Wahlberg) soll eine US-Marshall-Agentin (Michelle Dockery) und einen Kronzeugen (Topher Grace), von Alaska nach Seattle bringen. Der Zeuge soll gegen einen mächtigen Gangsterboss aussagen. Nur ist der Pilot ein Auftragskiller, der genau diesen Zeugen eliminieren soll. Klingt nach Spannung pur. Ein Thriller, der im engen Raum eines Flugzeugs spielt, ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel über den Wolken, irgendwo zwischen „Misery“, „Con Air“ und Collateral. Doch „Flight Risk“ schafft es nicht, aus diesem reizvollen Setup mehr als ein müdes Lüftchen zu machen. Was in der Prämisse nach Hitchcock schreit, landet irgendwo zwischen „Tatort: Anchorage“ und einem mäßigen Netflix-Thriller, der nach drei Tagen aus der „Top 10“-Liste verschwindet.

Was bei „Flight Risk“ am meisten irritiert, ist die völlige Abwesenheit von Mel Gibsons sonst so unverkennbarer Handschrift. Er war immer ein Regisseur, der Bilder sprechen ließ – und zwar laut, roh und kompromisslos. Wo früher Pathos und Blutrausch, religiöse Symbolik und archaische Gewalt aufeinanderprallten, herrscht hier filmische Schonkost. „Flight Risk“ sieht aus, als wäre er mit einem stabilisierten GoPro-Rig auf einem Flugplatz entstanden. Es gibt hübsche Shots von Gletschern, ein paar stimmungsvoll beleuchtete Cockpit-Momente – und das war’s. Kein visuelles Statement, keine Handschrift. Die Inszenierung bleibt brav, geradezu bieder. Die Landschaften Alaskas bieten eigentlich eine grandiose Leinwand für Isolation, Paranoia und Eskalation. Aber anstatt daraus ein visuelles Kammerspiel zwischen Himmel und Hölle zu machen, bleibt Gibson erstaunlich distanziert. Action gibt es kaum, ein paar Schüsse, etwas Ringen im Flugzeug - das wars. Die Spannung wabert hier so dünn wie der Sauerstoff in 10.000 Metern Höhe. Man wünscht sich das rohe, ungezähmte Chaos zurück, das Gibson sonst entfacht, wenn Menschen sich im Überlebenskampf befinden.

Mark Wahlberg gibt den Pilot-Killer mit Halbglatze und Pokerface. Ein bisschen „Blue-Collar-Mystery“, ein bisschen „schweigsamer Typ mit dunkler Vergangenheit“. Doch das Problem ist: Wahlberg ist über weite Strecken angekettet – buchstäblich und metaphorisch. Seine Figur hat keine Tiefe, keine Ambivalenz, wodurch sich keine wirkliche physische und psychische intensität ergibt. Michelle Dockery als US-Agentin wirkt professionell, aber blass. Topher Grace als ängstlicher Kronzeuge, wirkt wie ein komplettes Weichei und ist hier völlig fehl am Platz.

Fazit

Mel Gibson, der Meister des Exzesses, der visuelle Berserker, der uns durch Leid, Glauben und Krieg geführt hat, liefert hier einen Film, der sich anfühlt, als wäre er von einem Mann gedreht, der vergessen hat, warum er einst Filme gemacht hat. Keine Wut, keine Vision, keine Leidenschaft – nur Routine. Doch zwischen den Zeilen kann man fast spüren, wie Gibson vielleicht selbst in einer Art filmischer Turbulenz steckt. Vielleicht wollte er beweisen, dass er auch „klein“ kann. Dass er nicht immer die Welt in Brand setzen muss, um Geschichten zu erzählen. Doch leider zeigt „Flight Risk“, dass Größe bei Gibson nicht im Verzicht liegt, sondern im Wagnis. Und das fehlt hier gänzlich. Das Ergebnis ist ein Film, der weder kracht noch knallt, sondern schlicht und einfach vor sich hinfliegt – und irgendwann sanft, aber belanglos landet. Ein Risiko, das sich nicht auszahlt.

Details
Ähnliche Filme