Bezogen auf den traditionellen, spanischen Stierkampf könnte man trotz langer Geschichte urteilen, dass der Mensch wohl eher das Tier ist. Deutlich differenzierter geht Autorin und Regisseurin Emma Benestan ihren zweiten Langfilm an, welcher zumindest im finalen Akt dem vielschichtigen Titel alle Ehre macht.
In der Camargue im Süden Frankreichs: In diesem Gefüge bekleidet die junge Nejma (Oulaya Amamra) ein Alleinstellungsmerkmal, da sie bei den hiesigen Stierkämpfen die einzige Frau innerhalb einer Männerdomäne ist. Nach einer ausgelassenen Feier mit Alkohol und Drogen erleidet sie einen Filmriss. Gleichzeitig stellt Nejma Veränderungen an ihrem Körper fest…
Dass hier auf visueller Ebene auf einem recht hohem Niveau gearbeitet wird, markiert bereits die Eingangssequenz. Ein gutes Dutzend Stiere befindet sich in freier Wildbahn. Bis Gestalten auf weißen Pferden auftauchen, die Tiere umkreisen und sie in eine bestimmte Richtung treiben, wonach ein Jungtier gebrandmarkt werden soll. Innerhalb weniger Momente verschieben sich die Machtverhältnisse und es soll beileibe nicht das letzte Mal sein.
Jedoch gestaltet sich der Alltag der jungen Frau relativ eindimensional und es vergeht rund eine halbe Stunde, bis sich überhaupt etwas von Belang ereignet. Während Nejma für den Stierkampf trainiert, bei dem lediglich eine Trophäe von den Hörnern der Tiere abgezogen werden soll, kristallisiert sich eher beiläufig ihre Rolle in der Männertruppe heraus. Zwar wird sie augenscheinlich von allen respektiert und doch gibt es immer wieder kleine Spitzen oder zurückhaltend geäußerte Vorurteile. Und: Man befindet sich auf dem Land, wo die Uhren offenbar etwas anders ticken, - gefühlt oft langsam, da die erste Hälfte häufig ins Meditative abdriftet und man sich ab und an fragt, ob sich da noch etwas Einschneidendes ereignet.
Dies tritt zwar ein, doch trotz einiger diffuser Andeutungen wird schnell klar, wohin sich die Chose entwickeln dürfte, zumal es im Umkreis zu einigen Gewalttaten kommt.
Die Metamorphose deutet sich eher schleichend an, was glücklicherweise nicht allzu graphisch ausfällt, da hier die Gefahr besteht, rasch ins Lächerliche abzudriften. Jene Überbrückung wird erst kurz vorm Finale relativ geschickt gelöst.
Was dem Unterfangen fehlt, ist ein tauglicher Spannungsbogen. Der Mangel an Intensität bleibt auch in der zweiten Handlungshälfte beibehalten, immer wieder untermauert der Score die leisen Elemente, jedoch nie die Wucht, die man eigentlich von einem Stier erwarten würde. Erst in den letzten Einstellungen kommt man dem mit einigen markanten Bildern nahe, welche immerhin ein wenig nachhallen.
Trotz einiger optisch ansprechender und atmosphärisch gestalteter Szenen und einer sauber gemeisterten Hauptrolle will der Funke nicht so recht überspringen. Dies liegt nicht nur am Aussparen von Schauwerten oder spannenden Konfrontationen in und außerhalb der Arena.
Die Chose mäandert in ihrer Zurückhaltung deutlich zu lange um den eigentlichen Fokus herum und obgleich die Aussage am Ende deutlich wird, fehlt es bereits im Vorfeld an deutlichen, emotionalen Andockpunkten.
5,5 von 10