Wenn der Vater tanzt und der Teufel dirigiert
Ein neuer Film von M. Night Shyamalan ist längst mehr als nur ein Kinostart – es ist ein kleines kulturelles Ereignis. Jedes Mal. Denn der Regisseur, der einst mit The Sixth Sense und Unbreakable das Mystery-Kino auf links drehte, gehört zu jener seltenen Spezies Filmemacher, bei denen schon der Name das Versprechen enthält: Da kommt was. Etwas Eigenes. Etwas, über das man am nächsten Tag diskutieren muss. Mit Josh Hartnett in der Hauptrolle, der nach Jahren des „Wo-ist-der-eigentlich-hin?“-Geflüsters wieder voll aufdreht, serviert Shyamalan ein modernes Thriller-Menü, das irgendwo zwischen Konzertdrama, Serienkiller-Mindgame und Vater-Tochter-Tragödie oszilliert. Und ja, es schmeckt. Sogar richtig gut. Im direkten Vergleich zu „Knock at the Cabin“ wirkt „Trap“ frischer, lebendiger, größer. Shyamalan hat die Intimität des Vorgängers hinter sich gelassen und stattdessen ein Thriller-Spektakel geschaffen, das mit Musik, Masse und Mindgames spielt.
Bereits die Eröffnungsszene sitzt. Sie hat diese flirrende Energie, die man aus großen Eventfilmen kennt – und doch schwingt von Beginn an eine unterschwellige Unruhe mit. Ein Vater (Josh Hartnett) besucht mit seiner Tochter ein riesiges Popkonzert – ausgelassene Stimmung, Neonlichter, kreischende Fans, das ganze Paket. Doch schon bald schleicht sich eine subtile Spannung ein. Irgendwas stimmt nicht. Irgendwer ist hier nicht, wer er vorgibt zu sein. Mehr sollte man zur Handlung gar nicht verraten, denn „Trap“ lebt vom Nichtwissen. Nur so viel: Das Konzert ist keine bloße Kulisse, sondern Teil eines perfiden Spiels. Während die Polizei versucht, einen gesuchten Serienkiller im Publikum zu stellen, entfaltet sich ein Katz-und-Maus-Spiel, das an Präzision und Nervenkitzel kaum zu überbieten ist. Shyamalan ist ein Meister der langsamen Verunsicherung. Er braucht keine Monster und keine Schockeffekte, um Spannung zu erzeugen. Nach dem eher konzentrierten, kammerartigen „Knock at the Cabin“ wagt er sich mit „Trap“ wieder auf eine größere Leinwandbühne – mit mehr Statisten, mehr Bewegung, mehr Schauwert. Und das funktioniert erstaunlich gut. Gerade der Anfang – wenn das Szenario etabliert wird, wenn die Kamera durch das Gewusel der Konzertbesucher gleitet und das Unbehagen langsam in die Euphorie sickert – ist sehr stark inszeniert. Der Film funktioniert als Thriller, als Charakterstudie, als bizarres Psychodrama. Und er beweist, dass Shyamalan, nach einigen Umwegen in seiner Karriere, wieder zu jener selbstbewussten Form gefunden hat, die ihn einst berühmt machte.
Das große Kinoereignis in „Trap“ ist nicht die Handlung, sondern die Atmosphäre. Man fühlt sich wirklich, als wäre man Teil des Geschehens, ein Besucher mitten in der Menge – zwischen kreischenden Teenies, vibrierenden Basswellen und einem mulmigen Gefühl, dass hier gleich etwas verdammt Schlimmes passieren wird. Dieses Gefühl, irgendwo zwischen Rausch und Angst, zieht sich durch den ganzen Film. Shyamalan macht das Konzert zum emotionalen Resonanzraum seines Thrillers. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hartnett und der Polizei ist hochspannend inszeniert. Wie Shyamalan hier Timing, Kamera und Sound einsetzt, ist pures Kinovergnügen. Immer wieder denkt man: „Jetzt haben sie ihn!“ – nur um im nächsten Moment zu erkennen, dass die Falle noch längst nicht zugeschnappt hat. Es ist dieses klassische Shyamalan-Spiel mit der Erwartung, das er inzwischen zur Perfektion gebracht hat. Die Kameraführung von Sayombhu Mukdeeprom, bekannt u. a. für seine Arbeit mit Luca Guadagnino, ist exzellent. Sie hat diese fast hypnotische Qualität, die zwischen Nähe und Distanz, Intimität und Spektakel changiert. Besonderes gelungenen ist auch der Score, die Musik trägt den Film wie eine Welle – pulsierend, rhythmisch, bedrohlich.
Es ist eine Wohltat, Shyamalan einmal wieder auf großer Bühne zu erleben. Wo sein letzter Film, „Knock at the Cabin“, bewusst klaustrophobisch blieb, öffnet sich Trap in die Weite – und nutzt sie. Das Spiel mit den Massen, die Logistik der Statisten, das Konzert als Mikrokosmos – all das wirkt durchdacht, präzise, handwerklich auf höchstem Niveau. Natürlich, und das gehört zur Wahrheit: Die Geschichte wird im Verlauf zunehmend unrealistisch, gelegentlich gar etwas zu konstruiert. Logische Lücken tun sich auf wie Falltüren. Doch erstaunlicherweise mindert das den Unterhaltungswert kaum. Shyamalan bleibt ein Filmemacher der Emotion, nicht der Mathematik. Seine Filme wollen nicht dokumentieren, sie wollen verführen. Und das gelingt ihm hier mit bewundernswerter Leichtigkeit.
Dass „Trap“ so wirkt, wie er wirkt, liegt zu einem großen Teil an Josh Hartnett. Ein Name, den man in den letzten Jahren zwar nicht vergessen, aber doch zu selten gehört hat. Hier zeigt er, warum das ein Versäumnis war. Hartnett spielt einen Mann, der zwei Gesichter trägt – den fürsorglichen Vater und den eiskalten Killer. Beides gelingt ihm mit einer fast unheimlichen Glaubwürdigkeit. Er ist charmant, verletzlich, kalkulierend – manchmal alles gleichzeitig. Dieses Changieren zwischen Zuneigung und Abgrund, zwischen Wärme und Kälte, ist schlicht meisterhaft. Er trägt den Film mühelos, mit einer Mischung aus Understatement und innerer Glut, die an seine besten Zeiten erinnert. Shyamalan weiß um Hartnetts Qualitäten und inszeniert ihn entsprechend: oft in Halbtotalen, selten frontal, immer leicht entrückt. So entsteht das Porträt eines Mannes, der selbst in der Masse unauffällig und doch gefährlich präsent ist.
Fazit
„Trap: No Way Out“ ist echtes, spannendes, emotionales, manchmal waghalsiges Kino. Shyamalan inszeniert hier mit einer Sicherheit, die an seine besten Tage erinnert. Und Josh Hartnett liefert eine Performance, die man getrost als eine seiner besten bezeichnen darf. Zusammen ergeben sie einen Film, der sich zwischen Thriller, Psychodrama und Pop-Spektakel bewegt – wild, packend, überdreht, aber immer mit Stil. Die Geschichte ist stellenweise überkonstruiert und die Logik bekommt hier und da Schlagseite. Aber wenn das Ergebnis so unterhaltsam, so atmosphärisch dicht und so perfekt gespielt ist, dann darf man ruhig ein Auge zudrücken. Oder zwei.