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Nach einem Autounfall auf dem Weg zur Familie ihres Mannes landen Xana und ihr Sohn Benji in einem Alptraum. Die Familie wird zur Zielscheibe eines mutierten, blutrünstigen Hirsches. Bambi ist aus dem Kinderzimmer heraus und erwachsen geworden. Hier ist er kein niedliches Rehkitz mehr, sondern nach dem Genuss von chemisch vergiftetem Wasser eine fast unaufhaltsame Tötungsmaschine, die Jagd auf alle Zweibeiner macht. Unterstützt wird er von einer Bande ebenso bösartiger Karnickel rund um Kumpel Klopfer (namentlich nicht genannt).


Regisseur Dan Allen liefert hier den nächsten Baustein des sogenannten „Twisted Childhood Universe“ ab, dessen Basis der amateurhafte “Winnie the Pooh: Blood and Honey” ist. Mit “Peter Pan’s Neverland Nightmare” hat man sich schon deutlich gesteigert und hält dieses Niveau mit Bambi. Weitere Einträge ins TCU, wie z. B. “Pinocchio: Unstrung” und das Crossover “Poohniverse: Monsters Assemble” sind in Arbeit. Dass solche Filme überhaupt existieren, liegt am US-Urheberrecht. Das Originalbuch „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ von Felix Salten von 1923 ist mittlerweile Public Domain, also gemeinfrei. Das bedeutet, dass jeder die Figur nutzen darf, solange er nicht direkt die geschützten Design-Elemente der Disney-Version kopiert. Und während das Horror-Genre derzeit eine Welle düsterer Adaptionen klassischer Kinderstoffe erlebt, versucht Bambi: The Reckoning, sich durch handgemachte Creature-Animatronics von der Konkurrenz mit Billig-CGI abzuheben. 

Die Grundidee, das Verhältnis von Jäger und Beute umzukehren und Bambi zum Rächer zu machen, ist gerade bei Creature-Features alles andere als neu. Noch generischer ist der illegal abgeladene Giftmüll als Ursache für die Mutation. Anstatt sich etwas mehr bei der Vorlage zu bedienen, bleibt auch der weitere Storyverlauf erzählerisch erschreckend einfallslos und fast schon beeindruckend generisch. Hinzu kommt, dass das Drehbuch durchgehend spannungsarm bleibt.

Die menschlichen Charaktere, eine scheinbar allwissende, aber demente Oma, drei dödelige Brüder, einer mit zickiger Ehefrau und Arschloch-Sohn, überforderte Mutter mit genervtem Bub, dessen moralischer Kompass immerhin noch funktioniert, und drei tumben Kriminellen bleiben blass. Nennenswert sympathisch ist außer Oma eigentlich niemand. Die schauspielerischen Leistungen sind solide, aber ohne ein Skript, das ihnen Tiefe verleiht, bleibt ihr Schicksal völlig egal. Okay, Arschloch-Sohn hat sein Schicksal eindeutig verdient. Am ehesten empfindet man noch für den monströsen Bambi selbst so etwas wie Empathie, da er das einzige Wesen mit klarer Präsenz ist. Ein echtes Highlight sind aber auch „Killer-Klopfer“ und seine Familie, die für ein paar der unterhaltsamsten und bizarrsten Momente sorgen und dem Ganzen eine wunderbar makabre Note geben.

Inszenatorisch ist das Ganze dennoch ordentlich umgesetzt. Die Kamera fängt die düstere Waldatmosphäre gut ein und die handgemachten Effekte sorgen dafür, dass die wenigen Gore-Szenen eine gewisse Wucht haben. Dennoch bleibt das große Ganze trotz des starken Monsters weitgehend unspektakulär. Es fehlen der erzählerische Biss und der kreative Mut, um aus der bloßen Idee eines „Killer-Bambis“ einen wirklich packenden Film zu machen. Dass Bambi dennoch zu unterhalten versteht, liegt insbesondere an der technischen Umsetzung, die statt auf billiges CGI zu setzen, durch animatronische Effekte glänzt. Und das Creature-Design ist wirklich gelungen. Der Hirsch wirkt physisch wuchtig, dreckig und bedrohlich, ein deutlicher Qualitätssprung im Vergleich zu ähnlichen Low-Budget-Produktionen. Allerdings kann man die Farbgebung getrost als misslungen betrachten. Manches wirkt verwaschen und Haut ist oft zu gelb (zumindest bei meinem Apple-VOD).


Horror-Trash mit praktischen Effekten und altbackener Geschichte, technisch ordentlich, erzählerisch aber komplett austauschbar. Wer Lust auf Killer-Klopfer und ein mechanisches Prachtexemplar von Hirsch hat, wird hier durchaus seinen Spaß haben. Erzählerische Tiefe oder Raffinesse darf man jedoch nicht erwarten.


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