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Alexandre Aja verliert den festen Griff

Es gibt Regisseure, bei denen man noch heute das Echo des Schocks spürt, den sie einst ausgelöst haben. Alexandre Aja gehört zweifellos zu dieser Sorte. Anfang der 2000er katapultierte sich der Franzose mit einem Paukenschlag in den Olymp des modernen Horrors. „High Tension“ war ein blutgetränkter, nervenzerrender Albtraum – roh, kompromisslos, französisch bis in die DNA. Kurz darauf legte Aja mit seinem The Hills Have Eyes-Remake nach – ein Werk, das das Genre neu elektrisierte, wie ein Schlag mit rostigem Stacheldraht auf den Hinterkopf. Es war brutal, virtuos und, ja, ein bisschen genial.

Und dann? Nun, dann wurde es stiller um das einst so große Versprechen des modernen Genrekinos. Aja blieb zwar nie untätig, doch die Magie seiner Anfangsjahre – dieses gefährliche, fiebrige Etwas – schien zu verblassen. „Mirrors“, „Piranha 3D“, „Crawl“ – solide, manchmal sogar spannend, aber immer mit dem faden Beigeschmack: Da war mal mehr. Die fiebrige Intensität seiner Frühphase wich einer Routine, die solider Handwerkskunst näher steht als künstlerischer Raserei. Mit „Never Let Go“ nun wagt Aja einen weiteren Versuch, die alte Magie zu beschwören. Ein psychologischer Survival-Thriller, in dem Halle Berry eine Mutter spielt, die mit ihren beiden Söhnen in einer postapokalyptischen Welt um ihr Leben kämpft – oder vielleicht nur gegen ihre eigenen Dämonen? Der Film verspricht Paranoia, Isolation und emotionale Intensität. Das klingt nach archetypischem Aja-Stoff. Doch die Frage ist: Glimmt unter der Asche noch das Feuer von einst – oder bleibt nur Rauch?

Im Zentrum steht eine Mutter (Halle Berry), die mit ihren beiden Söhnen in einem heruntergekommenen Haus im Wald lebt – in einer Welt, die offenbar untergegangen ist. Draußen lauert das Böse, unsichtbar, unbenannt. „Nie den Schutz des Hauses verlassen, nie das Seil loslassen“, lautet die eiserne Regel. Die Fenster sind vernagelt, das Leben reduziert auf flüsternde Routinen. Doch als einer der Söhne beginnt, die Regeln zu hinterfragen, beginnt auch die fragile Ordnung zu bröckeln.

Was zunächst wie ein klaustrophobisches Kammerspiel funktioniert, entwickelt sich langsam zum psychologischen Paranoia-Thriller. Ist die Bedrohung real – oder bloß das Produkt einer traumatisierten Psyche? Was anfangs unter der Oberfläche brodelt, wird später zu einem etwas fahrigen Mix aus Metapher, Melodram und Mystery. Der Film will viel – Endzeitthriller, Mutterschaftsdrama, psychologisches Rätsel – und schafft es nicht, all diese Schichten organisch zu verbinden. „Never Let Go“ spielt mit klassischen Aja-Themen: Angst, Isolation, Mutterinstinkt, Wahnsinn. Er versteht Atmosphäre – das hat er nie verlernt. Der Film ist getränkt in ein Gefühl ständiger Unsicherheit. Die Welt da draußen: zerstört, leer, feindlich. Der Himmel: aschgrau. Die Geräusche: fremd. Man spürt das Gewicht der Stille, das Knistern der Angst. Es gibt Momente – vor allem im ersten Drittel – da ist der Film wirklich fesselnd. Doch leider beginnt der Film zu stagnieren. Er tritt auf der Stelle, wiederholt Motive, ohne sie zu vertiefen. Die Spannung, die sich zu Beginn so herrlich anstaut, entweicht langsam.

Was man Aja jedoch nie vorwerfen kann, ist mangelndes Handwerk. „Never Let Go“ ist visuell auf hohem Niveau inszeniert – klar, strukturiert, mit feinem Gespür für Licht und Raum. Maxime Alexandre, Ajas langjähriger Kameramann, liefert wieder einmal fantastische Arbeit ab. Die Kamera bleibt oft nah bei Berry, fängt ihre Panik, ihre Entschlossenheit und ihre zunehmende Verzweiflung ein. Aja verzichtet weitgehend auf billige Jumpscares, arbeitet lieber mit Suspense und Subtext. Doch der Film bleibt, bei aller Sorgfalt, merkwürdig zahm. Das Ergebnis ist ein Werk, das anfangs fesselt, dann stockt, schließlich versandet.

Halle Berry trägt den Film mühelos auf ihren Schultern. Sie spielt die Mutter mit einer Intensität, die den Film über seine Drehbuchschwächen hinwegträgt. Zwischen Härte und Zerbrechlichkeit changierend, trägt sie jede Szene mit der Art emotionaler Präsenz, die man sich von einer Oscarpreisträgerin erhofft. Ihre Figur bleibt zwar dramaturgisch unterentwickelt, aber Berry füllt die Lücken mit Ausdruck und Körperlichkeit. Ihr Spiel ist nuanciert – stark, aber verletzlich, kontrolliert, aber innerlich zerrissen. Percy Daggs IV und Anthony B. Jenkins, die beiden Jungdarsteller, sind eine kleine Offenbarung. Natürlich, unaufgeregt, authentisch – sie verkörpern jene Mischung aus Angst und Trotz, die der Film braucht, um zu funktionieren. Aja entlockt ihnen erstaunlich reife Performances – eine der größten Stärken des Films.

Fazit

Mit „Never Let Go“ beweist Alexandre Aja seine handwerkliche Meisterschaft, sein Gespür für Atmosphäre und Rhythmus. Man spürt, dass er hier etwas anderes versucht – etwas Intimeres, vielleicht sogar Persönlicheres. Nur leider greift der Film nie ganz fest zu. Die kreative Raserei, die seine frühen Werke so gefährlich machte, bleibt aus und das Ergebnis zwiegespalten. Zu kontrolliert, um wirklich schockierend zu sein. Zu vorhersehbar, um nachhaltig zu fesseln. Hätte der Film den Mut gehabt, radikaler zu sein, mehr zu riskieren – „Never Let Go“ hätte vielleicht ein Spätwerk werden können, das Ajas Legende erneuert. So bleibt er ein gut gemachter, atmosphärisch dichter, aber letztlich unentschlossener Thriller, der mehr verspricht, als er hält.









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