Für heutige Geschmäcker mag „The talented Mr.Ripley“ vielleicht etwas zu breitflächig und ausschweifend inszeniert worden sein, doch wer vom Dauerfeuer Abwechslung sucht und dafür hochqualitatives Thrillerkino mit Tiefgang sehen will, wende sich bitte Minghellas Film zu.
Es hat schon etwas Luxuriöses, wenn man sieht, wie europäisch-zurückhaltend und gleichzeitig zeitgenösssisch opulent das Krimi-Drama inszeniert ist. Minghella setzt hier keinen Krimi in Szene, sondern erschafft über die volle Filmlänge ein Portrait eines werdenden Mörders, der seine Taten zunächst im Affekt und später in dringlicher Notwendigkeit begeht, ohne damit die Leere seiner Persönlichkeit füllen zu können.
Tom Ripley (ein schier unglaublich guter, nichtssagend blasser Matt Damon) ist hier zu Beginn noch ein unbeschriebenes Blatt, allenfalls mit einem leisen Talent für Imitationen, weswegen er auch ausersehen wird, Dickie, den Sohn eines Millionärs, der seit zu langer Zeit in Italien weilt, vor Ort zu überreden, nach Hause zu kommen.
Von der ersten Stunde an steht das Unternehmen unter einem schlechten Stern, denn Ripley muß hochstapeln, sich in Jazz versiert machen, einen College-Mitstudenten mimen. Schon bei der Ankunft stellt er sich einem hübschen Mädchen als Dickie vor, hier noch als Spaß gedacht, doch das ganze spätere Unheil damit auslösend.
In Italien verfällt er bald schon Dickies Charme, fühlt sich akzeptiert, als Mitverschwörer. Bald wird offensichtlich, wie sehr Tom unbeschrieben ist. Außer dem Wunsch nach Leben, nach einem Hauch von Akzeptanz und Spaß, scheint er keine ureigenste Persönlichkeit zu haben, ergeht sich wenn höchstens im Kopieren anderer Personen.
Dazu kommt die ihn hindernde latente Homosexualität, die immer stärker aus ihm hervorbricht, für die er in Dickie jedoch kein Echo findet, zumindest keines, das dieser zugeben will.
Die Vernichtung der erweckten Hoffnung von der Akzeptanz provoziert schließlich den ersten Toten: denn auch der von Tom angehimmelte Dickie hat keinen besonders schillernden Charakter: ein Opportunist, wie er im Buche steht, benutzt er die Leute wie Spielzeuge, an denen er eine Weile Spaß hat, um sie dann wegzuwerfen. An Bord eines Ruderboots sagt er erstmalig die Wahrheit: Tom sei ein Langweiler, eine Klette und ganz schön langweilig – und diese Wahrheit bezahlt er mit dem Leben.
Von da an wäre es ein Leichtes, seine Spuren einfach zu verwischen, doch jetzt fängt Ripley kunstvoll an, allen anderen vorzuspielen Dickie lebe noch und schlüpft ansonsten selbst in dessen Luxusrolle. Das Verwirrspiel läuft jedoch mit hohem Risiko, direkt unter der Nase der High Society, so daß bald der nächste Mord folgen muß, weil man ihm auf die Schliche kommt.
Erfreulicherweise wird Ripley nie als typischer eiskalter Mörder gezeichnet, sondern eher als zufälliger innerlich leerer Soziopath, den unglückliche Umstände in die Lage versetzt haben, seinen einzigen Neigungen erfolgreich nachzugehen. Vermutlich wagt er deshalb das hohe Risiko, verfängt sich mehr und mehr in seinem eigenen Spiel und hat doch wieder und wieder Glück.
Nur seine schwule Anlage erfährt keine Erfüllung und als es dennoch dazu kommen könnte, holt ihn der Fluch seiner Vergangenheit mit den falschen Identitäten ein und zerstört alles, was einmal eine normale Zukunft werden könnte.
Minghella zeigt ihn am Ende als gebrochenen Charakter, der das Einzige, was ihm geblieben ist, gerade zerstören mußte, der sich selbst als hohl und düster erkannt hat, ein Gehetzter ohne Ausweg, der seinen Weg selbst gewählt hat.
In Szene gesetzt wurde das fast ausschließlich an italienischen Locations, wobei die fröhlichen Küstenorte mit all ihrer natürlichen Ländlichkeit die 50er noch einmal zum Leben erwecken, während in Rom das Dolce Vita herrscht und in Venedig der Verfall herrscht, passend zum Gemütszustand Ripleys.
In blass-hellen, aber dennoch kraftvollen Farben erweckt der Film ein Europa und eine vergangene Zeit wieder zum Leben und schafft es mit seiner komplizierten, verwinkelten Struktur den Zuschauer für die Figuren zu begeistern, die nicht nur tiefgründig, sondern auch mal abwechslungsreich sind, wenn man sonstige Stereotypen betrachtet.
Seine Spannung bezieht er aus der Komplizenschaft des Zuschauers mit Ripley, der einem einerseits leid tut, der einem in der latenten Unterwürfigkeit des sozialen Underdog gleichzeitig abstößt. Obwohl wir aber seine Taten nicht gutheißen können, wollen wir doch nicht, daß er gefaßt wird, weil die reiche Oberschicht auch nicht gerade den geheimsten Zugehörigkeitswunsch hervorruft.
Damon und Law harmonieren prächtig, Paltrow hatte für ihre blasse Erscheinung selten ein dankbareres Sujet und P.S.Hoffmann spielt die mies-aufgedunsenen Typen mit solchem Elan, daß es eine wahre Freude ist. Blanchett kann sich nicht so gut profilieren, schneidet aber nicht schlecht ab.
Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann das der Film vielleicht einen Schlenker zu viel macht, um noch mehr aus dem Plot herauszukitzeln und so einige Male den Zufall leicht überdehnt – und das man Geduld braucht, weil der Film sich gemächlich aufbaut, dann aber mehr innere Spannung zu bieten hat, als andere äußerlich zu zeigen vermögen. (9/10)