I'm Blue dade die daddel dei ...
Zugegeben unsere holländischen Nachbarn trumpften in der Vergangenheit vor allem durch Käse, hübsche Holzschuhe, Windmühlen oder auch vermeintliche Coffeeshops auf. Filmisch gesehen blieb das schöne Land an der Nordsee immer schon hinter den Ganz Großen, auch in Europa, zurück.
In der Chronik des abendfüllenden Kinos, zwischen Kifferkomödien ("Cheech & Chong"), "Flodders" & "New Kidz", Paul Verhoeven, Dick Maas und "The Human Centipede", gesellen sich zwischenzeitlich auch einige sehr gelungene oder atmosphärische Psychothriller ("Do Not Disturb", "Spoorloos"), zu denen auch "Blue Movie" aus dem Jahre 1971 gehört. Verwechslungen seien nicht auszuschließen ...
Schauplatz ist ein riesiger Hochhauskomplex, irgendwo in der Nähe von Amsterdam. Diesen werden wir Zeit des Films nicht mehr verlassen. Die Handlung spielt sich größtenteils auf engsten Raum ab, nämlich in der Wohnung des Protagonisten Michael und den beiden anliegenden.
Verstappen steigert die Spannung dabei stetig, nicht subtil, sondern direkt. Michael ist eher von der Sorte "schweig-" und "genügsam". "Blue Movie" wirkt durch seine schlichte Erzählweise vielleicht etwas "trist", aber niemals monoton. Es dauert nicht lange, als Michi in der Wohnung nebenan Zeuge eines zugegeben etwas "zwielichtigen" Liebesspiels wird, der bereits eine unterschwellige Perversion mitschwingt.
"Blue Movie" wirkt ästethisch, in beige-schlichtem Ton, die Sexszenen/Erotik halten sich zunächst in Grenzen, um dann immer weiter in das Materium der Pornografie abzurutschen, ohne einer solchen tatsächlich Herr zu werden.
Wir bewegen uns stilistisch im Bereich eines Suspense-Thrillers, der sich explizit mit dem Thema Sexualität, in dem Fall auch Pädophilie, auseinandersetzt. Dabei sowohl sozialkritisch, als auch vom künstlerischen Aspekt sehr gut. Auch überzeugen die wenigen Protagonisten durch ihre glaubwürdige Darstellung, zugegeben sehr unterschiedlicher Charaktere, auf ganzer Linie. Mit Worten wird oft gespart. Wir beschränken uns auf das Wesentliche.
Im letzten Drittel werden wir Zeuge einiger höchst ästethisch-erotischer Kunstszenen, die schlussendlich auch den Titel "Blue Movie" rechtfertigen. Parallelen zu Warhols und Cavallones gleichnamigen Werk sind nicht zu erkennen.
Ob Verstappen womöglich sogar Lynch zu seinem "Blue Velvet" mit inspirierte bleibt im Dunkeln. Was bleibt ist ein fantastisches, holländisches Untergrundfilmchen, dass zwar nicht schockt, aber sehr wohl zu fesseln vermag.