Der Film beginnt mit dem Ende. Nicht nur mit dem dritten von drei Kapiteln, sondern mit dem Ende von allem. Der Weltuntergang wird hier jedoch nicht in Katastrophenfilmmanier inszeniert, sondern eher beiläufig, über Berichte und Nachrichtenbilder. Kalifornien wird von einem Erdbeben verschluckt, in Deutschland bricht ein Vulkan aus. Das Internet ist down, nicht mal Pornhub funktioniert noch.
Doch die Menschheit hat sich daran gewöhnt, dass alles den Bach runtergeht, sie ist, wie ein Charakter sagt, in der letzten Trauerphase nach Kübler-Ross angelangt – Akzeptanz. Die Ex-Partner Marty (Chiwetel Ejiofor) und Fel (Karen Gillan) durchleben diese letzte Phase der Menschheit mit einer erneuten Annäherung – bis das Licht endgültig ausgeht…und wir Charles Krantz, genannt Chuck (Tom Hiddleston), kennenlernen.
In Kapitel zwei und eins der Geschichte bewegen wir uns zurück in der Zeit, lernen seine Geschichte und sein Leben kennen, eine Coming of Age-Geschichte, die von Verlust und Trauer, aber auch von Mut und Lebensfreude erzählt, sowie von Entscheidungen und Augenblicken, die alles andere überdauern.
THE LIFE OF CHUCK ist ein Film, über den man im Vorfeld möglichst wenig wissen sollte. Als Referenz mögen Stephen King-Verfilmungen wie STAND BY ME, THE GREEN MILE oder THE SHAWSHANK REDEMPTION dienen, die Kings tiefen Humanismus zeigen und nahezu ohne das Übernatürliche auskommen. Adaptiert und inszeniert wurde die Kurzgeschichte aus „If It Bleeds“ von Mike Flanagan, einem intimen King-Kenner, der mit GERALD’S GAME eine der werkgetreuesten Verfilmungen schuf, mit DOCTOR SLEEP einen nicht immer gelungenen Spagat zwischen Kings Roman und Kubricks Verfilmung von THE SHINING unternahm und King mit seiner Miniserie MIDNIGHT MASS liebevoll Tribut zollte.
Wenn zu Beginn allerdings ein Auszug aus Walt Whitmans „Song of Myself“ mit den berühmten Zeilen „I contain multitudes“ rezitiert wird, ist der erste Teil des Films für Genrekenner nicht mehr ganz so mysteriös, wie es möglicherweise beabsichtigt war. King und Flanagan bewegen sich hier allzu offensichtlich in TWILIGHT ZONE-Territorium. Das zeigt sich auch in der humanistischen Botschaft des Films, die man je nach eigener Abgeklärtheit wahlweise als wunderbar lebensbejahend interpretieren kann – oder als banalen Kalenderspruch.
Ein „Meisterwerk“ oder gar die „beste King-Verfilmung“ sehen wir hier zwar nicht. Jedoch entfaltet der Film insbesondere in seinen ersten (also letzten) beiden Kapiteln einen wunderschönen Sog, wie man ihn aus guten Serien kennt. Das Familienleben und die Kindheit Chucks sind wunderbar inszeniert und die Tanzszenen machen ungeheuren Spaß. Ja genau, die Tanzszenen: Sowohl Tom Hiddleston als auch sein Kindheits-Ich Benjamin Pajak und ihre jeweiligen Partnerinnen begeistern mit tollen Tanzeinlagen, die vermutlich selbst Musicalmuffel zum Mitwippen bringen werden.
Auch das Casting ist absolut sehenswert: Neben den Hauptdarstellern vergeht kaum eine Szene ohne (zumindest gesichts-)bekannte Nebendarsteller wie David Dastmalchian, Matthew Lillard, Harvey Guillén oder Carl Lumbley und auch Flanagans Entourage mit Kate Siegel, Carla Gugino, Hamish Linklater etc. ist (wenn auch zum Teil nur stimmlich) fast vollständig vertreten. Und nach Ende des Films möchte man sich am liebsten auch alle anderen King-Romane als Hörbuch von Nick Offerman vorlesen lassen.
6.5/10