Eine Zeitreise in die Sechziger Jahre mit Chér (ja so schrieb sie sich damals noch!), bei der es am besten ist, man vergißt wer und was Cher heute ist. Denn weder mit dem Megasuperstar noch mit der hervorragenden oskarausgezeichneten Schauspielerin hat dieses junge Mädchen, das wir hier sehen, viel zu tun. "Chastity" erzählt von einer sehr seltsamen Ausreisserin auf dem Weg in Richtung Mexiko. Den wirklichen Namen erfahren wir nicht, selbst nennt sie sich Chastity (Reinheit oder Keuschheit), weil sie den Namen im Wörterbuch gefunden hat. Im FIlm passiert nicht viel, eigentlich fast gar nichts. Sie stoppt Autos, übernachtet bei Fremden - ganz chastity - , sieht sich mal eine Kirche an, stiehlt ein Auto, denkt über Gott und die Welt nach, klingt manchmal altklug und zynisch, manchmal naiv und jungmädchenhaft. (Viele werden sagen, die "Weisheiten" die sie von sich gibt, seien abgeschmackt, aber das ist soooo 60er-haft, daß es einfach dazu gehört!) Der Film wäre sogar noch besser, wenn noch weniger passieren würde, sondern nur in langen Einstellung ein Zustand gezeigt wird, der von der Kamera nur registriert, aber nicht bewertet wird. Weil dieser so typisch für eine bestimmte Zeit ist, ist der Film heute interessant, sicher interessanter als 1969, als er völlig durchgefallen ist. Chér zeigt das Talent einer Amateurschauspielerin, die sie ja auch war. Die Musik ist von Sonny Bono und trägt zur Atmosphäre der Zeit natürlich auch stark bei. Chér ist dunkel und von der Schönheit, der man ansieht, daß sie sich selbst nicht für schön hält. Im übrigen merkt man ihr an, daß sie wenig Spaß an dem Film hatte, aber gerade so füllt sie die Rolle wirklich glaubwürdig.
Unterhaltsam sind die Szenen im mexikanischen Bordell - natürlich "passiert" aber auch hier nichts! Die Puffmutter Diana Midnight ist allerdings - anders als der Rest des Bordells - von Barbara London völlig unglaubwürdig verkörpert. Unglaubwürdig als Puffmutter, aber nicht in ihrer Beziehung zu Chastity. Sie ist nämlich an einer sexuellen Beziehung zu Chastity interessiert und nicht daran, sie an Kundschaft zu verkaufen. Eine seltsame Koinzidenz: im selben Jahr wurde Chérs Tochter geboren, die nach dem Film Chastity benannt wurde. Die Film-Chastity wird lesbisch angemacht, Chastity Bono hat sich vor einigen Jahren zu ihrer Homosexualität bekannt, was viel Aufsehen erregt und Cher zunächst ziemlich aus der Fassung gebracht hat. Aber das nur nebenbei...
Das Ende des Films wirkt schließlich ein bißchen aufgesetzt, als ob Sonny Bono, von dem Konzept und Drehbuch stammen, nicht gewußt hat, wie er den Film zu Ende bringen sollen. Ich glaube jedenfalls nicht daß die Ideen vom engagierten Regisseur stammen.