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„Der Hass einer Frau kann absolut tödlich sein!“

Während dem italienischen Genre-Kino in den 1980ern langsam, aber sicher die Luft ausging, gab es mit Lamberto Bava, dem Sohnemann des großen Mario Bava („Blutige Seide“), einen Regisseur, der durch den einen oder anderen Film auf sich aufmerksam machte und weiterhin Genres wie Horror und Giallo bediente. „Das unheimliche Auge“ ist einer seiner Gialli, der nach den Genrevertretern „A Blade in the Dark“ und „Midnight Killer“ im Jahre 1987 entstand.

Das ehemalige Fotomodell Gloria alias Gioia (wie sie im Original heißt) ist alleinige Herausgeberin des Herrenmagazins „Pussycat“, nachdem ihr Ehemann bei einem Autounfall ums Leben kam. Ein wahnsinniger Killer beginnt jedoch eines Tages, unter ihren Models zu wüten, um anschließend die vor alten Plakatmotiven Glorias drapierten Leichen zu fotografieren und die Fotos an die Agentur zu schicken. Gloria hat die berechtigte Sorge, dass sie ebenfalls auf der Liste des Mörders steht. Doch wer steckt dahinter und was ist das Motiv? Inspektor Corsi (Lino Salemme, „Dämonen 2“) versucht, der Sache auf den Grund zu gehen…

Die Zeit der innovativen Gialli war in den 1980ern vorbei, die der großen Schwemme dieser Filme ebenfalls. Auch dieser Film des „kleinen Bava“ zählt ganz sicher nicht zu den großen Würfen des Genres, gefällt mir über weite Strecken aber dennoch recht gut. Ein Grund hierfür ist, wie Thematik, Milieu und visuelle Umsetzung überaus harmonisch ineinandergreifen. Die polierte Hochglanzoptik des Films mit all ihren oberflächlichen Schauwerten wirkt tatsächlich wie ein spielfilmgewordenes Männermagazin und passt hervorragend zur typischen Dekadenz jener Dekade, die, was Zeitgeist und -kolorit betrifft, allgegenwärtig ist – sei es in Kleidung, Frisuren oder Musik, sei es in der Yuppiehaftig- und Oberflächlichkeit der Charaktere.

Statt auf möglichst viele möglichst blutige Morde setzt „Das unheimliche Auge“ primär auf eine andere wichtige Giallo-Ingredienz: Erotik. Der Film kann guten Gewissens als Erotik-Thriller bezeichnet werden, so dominant ist dieses Element bzw. ist Serena Grandi („Man-Eater“) in ihrer Rolle als Gloria. Liebe- und vor allem lustvoll umgarnt die Kamera ihren Körper, allem voran dessen dralle Oberweite, und setzt sie weit mehr als einmal hocherotisch innerhalb einer knisternden Atmosphäre zwischen sexueller Aufladung und lebensbedrohlicher Gefahr gekonnt in Szene. Auch andere Damen bekommen freizügige Auftritte, unter ihnen doch tatsächlich Pop-Sternchen Sabrina Salerno, die mit der Italo-Pop-Kompostition „Boys“ in den 1980ern nervte, mit dem dazugehörigen Musikvideo jedoch eine geeignete Wichsvorlage für pubertierende Jünglinge schuf. Doch auch die wenigen Morde des Films sind ein besonderes Schmankerl, wurden sie doch aus der delirierenden Sicht des Mörders gedreht, der statt menschlicher Gesichter – warum auch immer – abgefahrene Augen- und Bienenköpfe erkennt. Hier wurde Aufmerksamkeit erregende Maskenarbeit irgendwo zwischen Surrealismus und Trash geleistet, während Bava jr. – in diesem Falle ganz der Papa – die Szenerie in grelle Rot- und Blau-Töne verfärbt. Weshalb der Mörder den Aufwand betreibt, sich eines seiner Opfer mittels eines aggressiven Wespenschwarms (!) zu entledigen, bleibt zwar sein Geheimnis, sorgt aber für einen netten Überraschungseffekt – insbesondere wenn er im Imker-Kostüm auf der Bildfläche erscheint.

Soviel „Das unheimliche Auge“ optisch auch zu bieten hat, so zu vernachlässigen ist die Handlung. Verhältnismäßig plump und episodenhaft stellt man eine ganze Reihe Verdächtiger vor, die alle ein Motiv hätten, legt damit aber lediglich – welch Überraschung – falsche Fährten. Wie bereits angedeutet bleibt völlig im Dunkeln, weshalb der Mörder seine Umwelt derartig verzerrt wahrnimmt. Erwartungsgemäß ist auch die letztliche Auflösung an den Haaren herbeigezogener, keinen Sinn ergebender Schwachsinn und wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Zumindest aber funktionierte das „Whodunit?“ dahingehend, dass man als halbwegs aufmerksamer Zuschauer tatsächlich auf den Mörder hätte kommen können. Auf dem Weg dorthin jedoch überzeugen für sich betrachtet eine Verfolgungsjagd in einem leerstehenden Kaufhaus sowie andere gut inszenierte Versatzstücke – wenn auch kaum eines davon sonderlich neuartig und originell erscheint. Interessant auch, dass ein gehbehinderter Nachsteller und Voyeur, der Gloria anfänglich schwer auf die Nerven geht, letztlich als heldenhafte, positive Figur dargestellt wird. Das ist insofern konsequent, als „Das unheimliche Auge“ Voyeurismus in hohem Maße bedient, macht aber auch seine Oberflächlichkeit und das Fehlen jeglichen kritischen Subtexts deutlich.

Neben den bereits erwähnten freizügigen Damen hat die Besetzung Namen wie Daria Nicolodi („Profondo Rosso“), David Brandon („Aquarius – Theater des Todes“) und George Eastman („Man-Eater“) vorzuweisen, so dass sie Italophilen ein angenehmes Wiedersehen mit bekannten Gesichtern beschert. Auf einen wirklich guten Film Lamberto Bavas warte ich weiterhin, konnte mir die Zeit aber angenehm und unterhaltsam mit „Das unheimliche Auge“ vertreiben, dem man einen relativ hohen Unterhaltungswert nur schwer absprechen kann. Er eignet sich nicht schlecht mit einem anderen 80er-Model-Giallo, „The Last Shot“ von Carlo Vanzina, zu einem Double Feature, wobei Vanzinas Film der eindeutig bessere ist.

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