Review

Amerika wird vermessen! 

Jetzt setzt Brady Corbet zum ganz großen, epischen Wurf an. Während seine bisherigen zwei Werke („Childhood of a Leader“, „Vox Lux“) mich zwar bereits begeistern konnten, insgesamt aber noch mit sich, ihrer Sperrigkeit und dem gebannten wie polarisierten Publikum zu kämpfen hatten, macht er nun in einem dreieinhalbstündigen (!) Mammutwerk a la „Once Upon a Time in America“ oder „The Godfather“ gar keine halbe Sachen oder Gefangenen mehr. Über einen ungarischen Architekten, der nach dem zweiten Weltkrieg (mit seiner Familie) nach Amerika auswandert und dort das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ und dystopischen Betondschungel „aufblühen“ sieht bzw. selbst mit plant, aufbaut, hochzieht…

Brutalismus vom Feinsten

Der Monumentalfilm ist zurück? In einem neuen adretten Nadelstreifenanzug?! „The Brutalist“ überrollt dich, packt dich und klatscht dich ohne Rücksicht auf Verluste auf den nasskalten amerikanischen Asphalt. Während Corbets vorangegangene Filme noch eher kühl und näher an den Themen als an ihren Figuren waren, geht er hier auch charakterlich, menschlich und emotional all in. Brody zeigt allen, dass er es noch immer kann wie damals bei „Der Pianist“. Guy Pearce ist gut wie vielleicht noch nie und war eh schon immer einer der Unterschätzteren seines Fachs. Der Score ist pompös wie sensibel, unterstreicht das klassische Hollywoodfeeling samt dunklerem Anstrich perfekt. Und boy, oh boy, wird „The Brutalist“ zum Teil düster und abgründig… Er sagt genauso viel über Amerika und den amerikanischen Traum (selbstredend samt Schattenseiten) wie über Europa und unsere/die jüdische Vergangenheit. Konzentrationslager und weitere Traumata - die bis ins Heute und den Struggle mit unserem Umgang mit Ausländern reichen! - stecken dieser epischen Collage tief in den Knochen und sämtlichen Kulissen, Bauwerken und seiner gigantischen Kunstfertigkeit. Manche Bilder lassen einen staunen, andere schaudern, wieder andere schmunzeln. Doch eins ist klar: „The Brutalist“ und Corbet sind keine Poser! Hinter allem steckt etwas, alles hat Hand und Fuß, Kante und Bedeutung. Gänsehaut aus Beton, Marmor und Stahl. Lähmende Wirtschaftswunder. Heuchlerische Gastfreundschaft. Gefährliche Dominanz. Bauwerke, die Leben bestimmen. Bauwerke, die Geschichte aufarbeiten und ihre Schatten vorauswerfen. Architektur der Träume und Alpträume. Den etwas erklärbärerischen Epilog hätte ich eventuell nicht gebraucht. Andererseits kriegst du mich mit den 80ern + Venedig + Corbets Stil immer. Und deswegen ist „The Brutalist“ ein echtes, altmodisches und schwergewichtiges Kinoereignis, bei dem jeder Moment und Frame - von der Overtüre über die Pause samt Countdown bis zum querlaufenden Abspann - sitzt und Gravitas, Gewicht, enormes Selbstbewusstsein hat. Zurecht, muss man anerkennen. Denn man kommt ganz sicher nicht um Gedanken an Orson Welles und sein Xanadu, sein Citizen Kane, sein Genie herum - sowohl bei einer der Hauptfiguren von „The Brutalist“ als auch bei Brady Corbet… Der real deal! Und danach sitzt Coppola wohl vor seinem „Megalopolis“ und denkt nur… „Shit!“. 

Selbst Kubrick wäre stolz

Fazit: schon jetzt einer der größten und mächtigsten Filme der 2020er… Gigantisch, düster, meisterhaft und über seine gesamte Laufzeit atemberaubend! 

Details
Ähnliche Filme