THE BRUTALIST grenzt an eine Anmaßung. Alles an diesem Film scheint zu schreien „Seht her! Ich bin etwas Besonderes!“: Die Überlänge von dreieinhalb Stunden inklusive 15 Minuten „Intermission“. Die 15 Minuten „Intermission“. Der mit Bauhauselementen gestaltete Vorspann, der wie ein Deportationszug von rechts nach links über die Leinwand zieht. Der Abspann, der widerspenstig schräg von links unten nach rechts oben läuft. Die Einteilung in Kapitel, inklusive Prolog und Epilog. Die Themen, die von Nachkriegsschicksalen und Emigration über Krankheit und Drogensucht bis zu visionärer Kunst und Kapitalismuskritik reichen.
Jedoch: Der Film, unabhängig von großen Hollywoodstudios produziert und eine Herzensangelegenheit aller Beteiligten, erzählt seine Geschichte und vor allem die Beziehungen der einzelnen Charaktere durchaus so interessant, dass während der kompletten Laufzeit kaum Langeweile aufkommt.
Auch die Unterbrechung ist sinnvoll gesetzt, wartet man doch während der ersten Filmhälfte gemeinsam mit dem Protagonisten, ehemaliger Bauhaus-Stararchitekt László (Adrien Brody), der es nach dem Krieg erfolgreich von Europa nach Philadelphia schafft, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen, auf seine Frau Erzsébet, die er zurücklassen musste.
In der zweiten Hälfte gewinnt der Film dann auch eine ganz andere Dynamik, da sich durch die lang ersehnte Ankunft Erzsébets (Felicity Jones) und den Großauftrag durch den reichen Unternehmer Harrison Lee Van Buren (Guy Pearce) das Leben aller verändert. Einige Aspekte des Films, wie die Opiumabhängigkeit Lászlós und seine damit zusammenhängende mentale Instabilität sowie die Ehekrise zwischen ihm und Erzsébet erscheinen zunächst etwas unnötig für dieses ohnehin schon mit ausreichend Problemen beladene Drama. Faszinierender ist da die Figur des reichen Industriellen Van Buren, der versucht, sich Geschmack und Kultur zu kaufen, jedoch immer wieder auf seine Launenhaftigkeit und sein simples animalisches Naturell zurückgeworfen wird. Auch die Immigrationsgeschichte wirkt wie ein Kommentar zur aktuellen weltweiten Situation hochqualifizierter Einwanderer und Geflüchteter, die letztlich zu Tätigkeiten verdammt sind, die weit unter ihren Möglichkeiten liegen.
Was die meisten Kritiken in ihren filmischen Inhaltsangeben freimütig als selbstverständlich voraussetzen, wird dem Zuschauer erst im Epilog des Films offenbar: Nämlich wie das brutalistische, visionäre Monument, an dem der Architekt jahrzehntelang arbeitet, mit seiner Vergangenheit und seinem sowie Erzsébets Schicksal verbunden ist. Wurde der Film vielfach in die Nähe von Polanskis THE PIANIST gerückt, so macht der Epilog THE BRUTALIST viel eher zu einem Companion Piece von THE ZONE OF INTEREST. In den letzten Minuten des Films wird vieles klar und plötzlich erscheinen manche vorher als Manierismen und Überdramatisierungen abgetanen Handlungsentwicklungen in einem anderen Licht. In diesem Licht betrachtet, sind dreieinhalb Stunden die Wartezeit in jedem Fall wert.