Ursprünglich und von vornherein für den hauseigenen Streamingdienst Max von Warner Bros geplanter Justizthriller, welcher auf allgemein guter Kritiken (und anschließend auch Zuspruch der Zuschauer) einen kleinen Kinostart in weniger als 50 Stätten spendiert bekommen hat; sicherlich auch eine Verbundenheit des Studios mit seinem Regisseur, Clint Eastwood, der aufgrund des erhöhten Alters (Eastwood ist fast Mitte 90) hiermit möglicherweise seine 40. und eventuell letzte Regietätigkeit abliefert, so zumindest die Unkenrufe, den man nicht unbedingt Glauben schenken muss– der Filmemacher hat sich diesbezüglich nicht festgelegt und überhaupt nicht geäußert–, und auch schon bei kurz zuvor fertig gestellten Werken wie The Mule (2018), Der Fall Richard Jewell (2019) oder Cry Macho (2021) schon die selbige Vermutung geäußert wurde. Darstellerisch tritt der Mann diesmal zumindest nicht vor die Kamera, er überlässt jüngeren Generationen das Feld, er konzentriert sich die Dramaturgie, nicht unbedingt die Dramatik, es ist trotz eines Budgets von 35 Mio. USD kein Bewegungsfilm:
Savannah, Georgia. Der Journalist, angehende Familienvater und trockene Alkoholiker Justin Kemp [ Nicholas Hoult ] wird trotz Versuchen, dem zu entgehen, als einer von 12 Geschworenen in einem Mordfall an einer jungen Frau einberufen. Als Verdächtiger und vor Gericht stehend tut ihr damaliger Freund James Michael Sythe [ Gabriel Basso ], der wegen Mordes von der ehrgeizigen Staatsanwältin Faith Killebrew [ Toni Collette] angeklagt wird, die sich damit einen politischen Karrierenschub erhofft, während der Pflichtverteidiger Eric Resnick [ Chris Messina ] einfach nur seinen Job tut. Justin, dem schnell Zweifel an der Schuld von Sythe kommen, bittet seinen Bekannten und Sponsor Larry Lasker [ Kiefer Sutherland ] um Rat, welcher hauptberuflich als Strafverteidiger tätig ist. Währenddessen bringt der ebenfalls als Geschworene tätige, aber ehemalige Mordermittler Harold Chicowsi [ JK Simmons ]
Justitia hier im Bilde und im Zwiespalt, ebenso wie die Moral, die Schuld und die Sühne, der Kampf mit dem eigenen Gewissen, der Unsicherheit statt der Gewissheit, obwohl der Film mit einer Idylle, zu schön um wahr zu sein beginnt. Eine Normalität, eine junge und im Wachsen befindliche Familie, ein gutes Leben eigentlich noch, ein fast alltäglicher Tag, eine demokratische Institution. Ein Verfahren steht an, ein Mordfall wird diskutiert und debattiert, wird verhandelt, der Mann versucht sich zu drücken, “Nothing to gain or to lose“, eine Auswahl wird getroffen, ein Dutzend Personen vorgestellt, unter Fragen gestellt, die Parteien und die Individuen in Augenschein genommen, ein persönliches Drama hier.
Politik wird auch geboten, nebenher und nebenbei, die Welt kann nicht ohne, es wird in Dialogen erzählt. Die Inszenierung ist eher trocken, die Rückblenden des möglichen Verbrechens und seine Folgen in den Fokus geraten, die Erinnerung kommt wieder, zum ungünstigen Zeitpunkt, unter schlechten Bedingungen, mit Ablenkungen folgend, das Unterbewusstsein übernimmt, die Fassade wird noch aufrechterhalten, ein Autounfall bei regennasser Fahrbahn, eine Vermutung, eine Bestätigung, zwei unterschiedliche Auffassungen, zwei differenzierte Betrachtungen und Auseinandersetzungen, der Blick zurück, der Blick in den Spiegel. Perfekt ist der Mann nicht, er wird zwar so von seiner Frau bezeichnet, Perfektion gibt es hier nicht, es gibt Konflikte und versuchte Kompromisse, ein Weiterleben, ein Verdrängen. Anders, fokussierter, isolierter, aber thematisch ähnlich ging auch (das kleine Meisterwerk) The Integrity of Joseph Chambers (2022) ans Werk, dort eine chronologische Abfolge, aus einer Perspektive, mit einer Persönlichkeit, hier verschiedene Wahrnehmungen, verschiedene Wahrheiten, Fakten und Fiktion. Zeugen werden vernommen, ins Kreuzverhör genommen, ein juristisches Geplänkel, der Anschein der Wichtigkeit des Prozesses, welcher nur die Prämisse allerdings stellt, die Umrahmung, die Oberflächlichkeit. Oft wird aus der Distanz aufgenommen, die Figuren bewegen sich, die Kamera weniger, die Kommunikation schneller als die Montage, viel Text.
Die Bebilderung durchaus edel, relativ ruhig, eine öffentliche Herangehensweise an die Verhandlung, eine intime Atmosphäre, das Gewissen wird schnell erleichtert, damit ist die Sache längst noch nicht erledigt; sie fängt erst an, das Dilemma ist am Delieren, das eigene Leben und das eines Fremden am Duellieren. Neben Hoult im Zentrum des Geschehens fällt vor allem Sutherland (und Simmons) auf, eine zweite Stütze, ein zusätzliches Fundament. Auf Tragik wird kurz gegangen, ein wenig auch auf Sentimentalität, auf Parallelen zwischen dem Geschworenen und dem Angeklagten, gleiches Alter, gleiche Fehler früher gemacht, heute eine versuchte Veränderung, eine Verbesserung der eigenen Mentalität, ein möglicher Rückfall, gerade dann, wenn man Licht am Ende des Tunnels sieht. Viel ist im Gerichtssaal eingangs, wenig Außenblicke, ein Wechsel an Augenblicke, eine Schlussansprache, eine Appellfunktion, anschließend das Einschließen in den Geschworenenraum, eine Art Update von Die 12 Geschworenen, nur anders aufgezogen; es wird schnell aggressiv im Raum, Kommentare abgegeben, die angreifend sind und auch so wirken. Es gibt Überraschungen unter den anderen Menschen, von der Identität her, es wird größer aufgezogen, es geht in die Details, das Malheur, Sozialisierung und Re-Sozialisierung, das Bereinigen des Gewissens, die Komplexität darin, der Verlust der Kontrolle, dazu viele Konferenzen, viele Konstellationen, die enthaltenen Konsequenzen.
Ein Leben wurde bereits genommen, andere drohen zu zerbrechen, das Damoklesschwert hängt über mindestens zwei, vielleicht drei oder gar vier Menschen, ein Kriminalfilm, eine zusätzliche Detektiv- und Ermittlungsarbeit, ein Familiendrama, eine Diskussion über das Rechts- und das Wertesystem, trotz solider darstellerischer Leistungen etwas unpersönlich und klein wirkend, fast wie als (mehrdeutige, doppelbödige) Auftragsarbeit, ohne richtiges Engagement, ein wenig zu kühl dafür, zu theoretisch scheinend. Es gibt Situationen, da blitzt die Verletzlichkeit durch, meist in Konfrontationen mit der Vergangenheit, die Zukunft zählt nicht mehr, die Gegenwart schon.