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Juror #2

Die vermeintlich letzte Regiearbeit Clint Eastwoods bestätigt noch einmal die Ausnahmestellung der Filmlegende. Das unprätentiös inszenierte Justizdrama besticht durch kluge Sezierung menschlicher Moral-Dilemmata und einen kritischen Blick auf systemische Schwächen des amerikanischen Rechtssystems. Selbstreflexive Denkanstöße für den Zuschauer gibt es gratis dazu.

Ein bewusst limitierter Kinostart, lediglich um die Veröffentlichung auf einer Streaming-Plattform zu promoten, gehört inzwischen zur Realität vieler Filmstudios. Derart mit dem vermutlich letzten Werk einer Regielegende umzugehen, die dem Studio in ihrer gut 50-jährigen Zusammenarbeit sowohl Blockbuster wie auch diverse Oscar-Gewinne beschert hat, wirft kein gutes Licht auf Warner Bros. Pictures. Clint Eastwood wiederum ist die Rolle des resilienten Außenseiters bestens vertraut, sowohl vor wie hinter der Kamera. Salopp gesagt hat er immer sein eigenes Ding durchgezogen, ohne sich anzubiedern oder gar zu verbiegen. Diese Outlaw-Mentalität gilt nicht nur für seine bekanntesten Filmrollen in Western (Dollar-Trilogie) und Polizei-Thrillern ("Dirty Harry"), sondern insbesondere auch für seine politischen Ansichten. Trotz einer streng konservativen Grundausrichtung kultivierte er einen kritischen Blick auf Obrigkeiten, Autoritäten und systemische Diskrepanzen seines Heimatlandes.

In dieser Tradition steht auch „Juror #2“, der, sofern der 94-jährige Eastwood nicht doch noch einmal auf den Regiestuhl zurückkehrt, einen würdigen und vor allem stimmigen Abschluss einer außergewöhnlichen Filmkarriere bedeuten würde. Das zweistündige Gerichtsdrama ist ein Destillat sämtlicher Regiearbeiten Eastwoods. Die unaufgeregte, auf audiovisuelle Extravaganzen verzichtende Inszenierung wird häufig etwas gönnerhaft mit „Im besten Sinne altmodisches Erzählkino“ etikettiert, übersieht dabei aber den unbedingten Fokus auf das Essentielle in Eastwoods Filmen, Figuren und Geschichte. Bei ihm bekommt beides Luft zum Atmen und Raum zur Entfaltung. Der Profiteur ist der zahlende Zuschauer, zumal er immer auch etwas zum Denken erwirbt, sodass der Kinobesuch noch lange nachwirkt.

Diesmal sind Schuld und Sühne, Verantwortung und Selbstreflexion im prall gefüllten Paket. Im Mittelpunkt dieser Dilemmata steht der junge Journalist Justin Kemp (Nicholas Hoult). Die Berufung als Geschworener in einem Mordprozess empfindet er als lästige Pflicht, viel lieber würde der werdende Vater seiner jungen Frau bei ihrer Risikoschwangerschaft beistehen. Zumindest scheint der Fall eindeutig. Der rüpelhafte und polizeibekannte Michael Sythe (Gabriel Basso) soll seine Freundin Kendall (Francesca Eastwood) in einer dunklen Regennacht zuerst geschlagen und dann von einer Brücke gestoßen haben. Zuvor hatten sie einen heftigen Streit in einer lokalen Bar. Ein halbes dutzend Gäste konnte bezeugen, dass das Opfer daraufhin in Richtung der besagten Brücke verschwand, verfolgt von dem ebenso aufgebrachten alkoholisierten Sythe. Als Staatsanwältin Faith Killebrew (Toni Collette) auch noch einen Augenzeugen präsentiert, der Sythe am vermeintlichen Tatort erkannt haben will, erwartet kaum jemand längere Beratungen. Doch ausgerechnet Justin Klemp befallen nun ernsthafte Zweifel an der Schuld des Angeklagten. 

Wer sich bei diesem Szenario an den Sydney Lumet-Klassiker „Die zwölf Geschorenen“ (1957) erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Die Prämisse ist allerdings eine gänzlich andere. Bei der Darlegung des Falles erkennt Klemm nicht nur, dass er am besagten Abend selbst in der Bar saß, sondern auch dass er im Anschluss einen Auffahrunfall an exakt der Stelle hatte, an der Kendall den Tod fand. Was, wenn er dabei nicht wie vermutet ein Reh angefahren hatte, sondern die Freundin des Angeklagten? Bei einem Schuldspruch würde ein Unschuldiger lebenslang im Gefängnis sitzen, bei einem Bekenntnis seinerseits, würde sein junges Familienglück jäh zerstört werden. Hin und her gerissen zwischen Schuldgefühlen gegenüber Opfer, vermeintlichem Täter und seiner Familie, entscheidet sich Justin für die Manipulation der Jury in der Hoffnung, dass weder Sythe noch er selbst für den Mord verurteilt werden können. Nicholas Hoult gibt dieser von widersprüchlichen Gefühlen geradezu malträtierten Figur ein Leid geplagtes Gesicht, indem sich auch die Ängste des mitfühlenden Zuschauers spiegeln. Ihm gegenüber glänzt vor allem Toni Collette, deren Panzer aus anwaltlicher Überlegenheit und Selbstsicherheit zunehmend Risse bekommt, als sie ihrerseits einen inneren Konflikt ausfechten muss.

Gewinner gibt es vor allem auf Seiten der Zuschauer. Schluckt man die zugegeben konstruierte Ausgangslage - ein emsiger Lokal-Journalist will im Vorfeld nicht nur nichts von dem Mordfall mitbekommen haben und wird als potentielle Täter auch noch zum Geschorenen berufen-, wird man mit einem vielschichtigen und mehrbändigen Lehrstück über die Untiefen des amerikanischen Justizsystem und die Grauzonen menschlicher Moral-Konflikte belohnt. Explizit aufgeworfene Fragen wie „Ist Wahrheit auch immer Gerechtigkeit?“ oder „Wie würde ich mich verhalten?“ machen „Juror #2“ zu eine sehr persönlichen Film für jeden Zuschauer. In seiner kriminellen Vergangenheit konnte Sythe nie ernsthaft belangt werden, zudem lies er seine betrunkene Freundin allein auf einer einsamen Straße in einer dunklen Regennacht. Kemp wiederum ahnte nichts von seinem möglichen Tötungsdelikt und versucht nun vor allem seine unschuldige Familie zu beschützen.

Darüber hinaus steht ein Rechtssystem auf dem Prüfstand, bei dem Manipulationen und Eigeninteressen den Fairness-Gedanken bedrohen. Neben Kemp verfolgt auch Staatsanwältin Killebrew ganz eigene Interessen, schließlich will sie in ihrem Amt bestätigt werden. Die schnelle Verurteilung eines stadtbekannten Unruhestifters kommt da sehr gelegen.

Clint Eastwood erweist sich damit zum wiederholten Mal als kluger Beobachter menschlicher Moralvorstellungen und ethischer Grundsätze. Im Verbund mit dem kritischer Blick eines selbst erklärten Patrioten auf die systemische Grauzonen der USA und der souveränen Führung einer versierten Darstellerriege zählt „Juror #2“ zu den besten Arbeiten einer der letzten Hollywood-Größen alter Schule. Ein würdiger Schlusspunkt - sollte es denn so sein - einer großen Filmkarriere und ein Plädoyer für junge Epigonen sich nicht verbiegen zu lassen.

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