Recht & Freiheit & Wahrheit
Ich weiß nicht, was Clint Eastwood Warner getan hat oder warum "Juror #2" seinen Produzenten dermaßen egal scheint. Jedenfalls haben schon manche Werke von verurteilten Verbrechern auf Regiestühlen mehr Aufmerksamkeit und Marketing bekommen als dieses eigentlich sehr gute Alterswerk einer der größten Filmlegenden aller Zeiten... das muss keiner verstehen. Vielleicht lag es ja an der suboptimalen Qualität einiger der letzten Regietitel von Eastwood (obwohl eigentlich nur "15:17 To Paris" richtig schlecht war). Trotzdem sollte man ja jedes neue Werk mit so frischen Augen betrachten, wie es nur geht - auch als Produktion... Aber egal. Müßig über solche nebulösen Machenschaften zu philosophieren und zu raten. Jedenfalls erzählt "Juror #2" von einem sympathischen Jurymitglied in einem anfangs recht klar erscheinenden Mordprozess, dessen dunkles, persönliches Geheimnis und seine Ehrlichkeit den Ausgang der Verhandlung ernsthaft beeinflussen könnten...
Haltung, Verantwortung, Eier
Auch wenn nicht alles Gold ist, was glänzt in Clints Regiekarriere, kriegt man doch locker 10-15 absolute Toptitel zusammen - was ihn umweglos zu einem der underratesten Regisseure aller Zeiten macht. Und "Juror #2" könnte durchaus den Sprung in diese elitäre Liste schaffen, was aber die Zeit zeigen muss. Mir jedenfalls hat er klar gemacht, dass man auch mit über 90 (!) noch als Regisseur abliefern kann. Das Ding ist eine fiese Zwickmühle, eine krasse "Was würdest du tun?"-Situation und hat ein erstaunlich präzises Drehbuch. Hoult ist außergewöhnlich gut und passend. Auch die restliche Besetzung wird von Eastwood gewohnt top geführt und eingesetzt. Und Eastwood inszeniert zudem sehr gezielt und fettlos, bedacht und realistisch, ruhig und auf das Wesentliche konzentriert. Wirkliche audiovisuelle Reißer sind seine Werke schon lange nicht mehr, waren sie noch nie wirklich. Aber wenn man dermaßen gut im Soll in allen anderen Kategorien ist, braucht man kein Trimborium auf der Leinwand. "Juror #2" hätte vor drei Jahrzehnten genauso funktioniert wie heute - und wird es auch in dreißig Jahren noch!
Fazit: Einer der besten Gerichtsfilme und einer der besten Eastwood-Filme seit langer Zeit... "Juror #2" ist wichtig, spannend, klassisch, konzentriert und durchgehend interessant. Selbst wenn er die Glaubwürdigkeit manchmal arg strapaziert. Und er wäre ein würdiger Abschluss für Eastwoods Regiekarriere. Gönn' dir noch ein paar schöne, gemütliche Jahre, Clint, du hast es dir verdient!