Während sich andere Menschen mit 94 Jahren längst zur Ruhe setzen, haut Clint Eastwood mal so nebenher und beinahe in aller Stille seine 41. Regiearbeit heraus. Sein Justizdrama ist einmal mehr von betont unaufgeregten Szenen geprägt, welches sich mehr auf die Figuren und ihre moralischen Fragen, als um die konkrete Aufklärung eines Falles konzentriert.
Georgia: James (Gabriel Basso) soll seine Freundin (Francesca Eastwood) in einer regnerischen Oktobernacht umgebracht haben, wovon Staatsanwältin Faith (Toni Collette) komplett überzeugt ist. Nun liegt es an den zwölf Geschworenen um Justin (Nicholas Hoult), welcher sich gar nicht so sicher ist, ob er in besagter Nacht nur ein Reh angefahren hat…
Die Geschichte spielt von Anfang an mit offenen Karten und lässt im Grunde nur zwei Optionen zu. Mithilfe diverser Rückblicke gibt es jedoch lediglich Indizien, nie eine konkrete Tat. Man hat die Leiche am Rande eines Flussbettes, einen beinahe handfesten Streit in einer Kneipe und eben jene Nacht, in der die Sicht alles andere als günstig ist. Justin zweifelt und dürfte im Grunde gar nicht Teil der Jury sein, da er zumindest in jener Nacht ebenfalls in der Kneipe war und auch ein ehemaliger Polizist (J.K. Simmons) handelt während des Prozesses unorthodox, indem er unerlaubterweise Beweise sammelt und sich eben nicht auf die bisherigen, eher dünnen Ermittlungsergebnisse verlässt.
Moralische Fragen rücken demnach früh in den Vordergrund: Hat ein werdender Familienvater (seine Frau ist nach einer Fehlgeburt hochschwanger) das Glück verdient, vorm Gesetz weiterhin ein unbescholtener Bürger zu sein und ist es ebenso vertretbar, einen vermeintlich cholerischen Beziehungspartner im Zweifel lebenslang schmoren zu lassen, obgleich der Mord noch nicht einmal eine klare Tatwaffe hervorbringt?
Genauso wird rasch klar, dass Justitia vielleicht doch zuweilen auf einem Auge blind sein mag, was einigen Geschworenen sogar weitgehend egal zu sein scheint.
Wähnt man sich anfangs noch in einer ähnlichen Situation wie beim Gerichtsklassiker von 1957, bleibt die Diskussion unter den Jurymitgliedern doch recht vage. Auch die weitere Beteiligung eines Anwalts und Freundes von Justin (Kiefer Sutherland) wird vernachlässigt und führt zu nichts, während es im finalen Akt einen kleinen Bruch vorm Urteil der Jury gibt, der einige Fragen aufkommen lässt. Auch die letzten Einstellungen dürften nicht jedem zusagen, da sie noch einen kleinen Freiraum für Spekulationen lassen.
In erster Linie kann sich Eastwood auf die starke Besetzung und die durchweg überzeugend aufspielenden Mimen verlassen, welche die permanente Anspannung in und außerhalb des Gerichtssaals treffend zum Ausdruck bringen. Auch der leise Score passt hervorragend zur Stimmung der Geschichte, welche zwar wenig Spannung oder gar Thrill zutage fördert, doch in ihrer zeitlos anmutenden Inszenierung untermauert, das eine moralisch bewegende Story keine sonderliche Aufregung benötigt.
Knapp
7 von 10