Merke: Wo die biedere männliche Jungfrau auftaucht, da ist auch ihr obszöner Sidekick nicht fern. Wenigstens lautete so das unerschütterliche Erfolgsrezept der späten 90er bis frühen 2000er, als Twen-Comedy und Horrorfilme gefühlt nur als Emanzipationshilfe für verklemmte Heranwachsende gedacht waren, die es endlich mal mit einem weiblichen Wesen tun wollten. Der obszöne Sidekick hatte es natürlich immer schon getan, auch wenn man sich bei seinen Manieren stets aufs Neue fragte, mit wem wohl. Er schreckte auch nicht davor zurück, bei jeder Gelegenheit damit zu prahlen, es getan zu haben. Er liebte es, über das Tun zu reden. Oder es pantomimisch darzustellen. Und so war er den Grundlagen des Drehbuchschreibens gemäß dazu verdammt, als karikaturistische Randfigur letztlich nur einen simplen Job zu vollenden: Er sollte durch sein eigenes unreifes Verhalten die Entwicklung der Jungfrau hin zum gestandenen Mann vorantreiben. Danach war der Sidekick nicht mehr nötig. Es hatte sich inzwischen Bedeutenderes ergeben als seine pubertären Mätzchen. Er durfte nun zu den hinteren Reihen der Drehbuchschichten durchgereicht werden, wo er letztlich den ultimativen filmischen Tod starb: Er wurde von seinem Umfeld einfach vergessen.
Nicht so hier! Ganz egal, wie unglaublich nervig und obszön Justin Urich seinen Sidekick auch anlegt, Regisseur und Autor Michael Davis gestattet ihm volle 90 Minuten lang, im Dunstkreis von Hauptdarsteller Eric Jungheim seinen Trash Talk abzuladen, während dieser als schüchterner Adam quer durchs Land fährt, um seine große Liebe davon abzuhalten, einen anderen Mann zu heiraten. „Monster Man“, das ist die Liebesgeschichte zwischen der verklemmten Jungfrau und ihrem obszönen Anhängsel.
Liebesgeschichte? Und dann auch noch zwischen zwei Hetero-Männern? Moment. Sollten hier nicht Torsos zermalmt, Gliedmaßen abgetrennt und Köpfe zerquetscht werden? Eine gute Stunde lang könnte man meinen, auf dem falschen Dampfer zu sein, gibt es in dieser Zeit doch eher Sprechblasen als Blutpäckchen zu sehen, die zwischen Main Man Adam, Wingman Harley und der sexy Anhalterin Sarah (Aimee Brooks) ausgetauscht werden und dabei zumeist mit großen, dampfenden Haufen aus braunem Nichts gefüllt sind, während der Highway einfach nur von einem staubigen Ort zum nächsten führt, die alle gleich aussehen.
Nicht, dass dabei nichts von Belang geschähe. Die Topoi werden in diesem Zeitrahmen natürlich schon mal ausgerollt wie ein blutiger Teppich und versprechen eine baldige Zuwendung zum Gekröse. Es war gerade erst zwei Jahre her, dass das effektive Konzept von Steven Spielbergs „Duell“ durch John Dahl („Joyride – Spritztour“) und Victor Salva („Jeepers Creepers“) in das kollektive Gedächtnis einer neuen Generation von Filmliebhabern gehämmert wurde. Da wollte Davis wohl nicht hintenan stehen und eine weitere Variation ins Rennen schicken, diesmal eben mit einem Monster Truck anstatt eines Tanklasters oder eines LKWs. Die Farbfilter sind kanariengelb, das graue Gummi der rotierenden Riesenreifen vom Straßendreck benetzt wie von Blütenstaub – perfekte Bedingungen für eine flotte Horror-on-the-Road-Nummer, die mit hoher Drehzahl auf Amerikas einsamen Verbindungslinien zwischen Unbekannt und Unbekannt ihre Runden zieht.
Das Design des Monster Trucks ist mit der wabenförmigen Kabine zumindest schon mal ein Hingucker, gerade wenn das voluminöse Ding dem tief liegenden Chevrolet von Ritter Adam und seinem bärtigen Barden auf die Pelle rückt und mit den linkischen Bewegungen einer störrischen Landschildkröte nach ihm schnappt. Ist da nicht sogar ein Hauch Starship-Troopers-Bug zu erahnen? Ein mysteriöser Leichenwagen, der im Stil von „Phantasm“ als Vorbote des Bösen aus dem Nichts auftaucht, peitscht die Stimmung zusätzlich an. Als es dann auf einem völlig versifften Raststättenklo zum ersten Augenkontakt zwischen Verfolger und Verfolgtem durch ein Glory Hole kommt, steht neben dem überwältigenden Mief auch durchaus eine gewisse Spannung in der Luft, die natürlich kurz darauf von unserem Harlekin auf dem Beifahrersitz wieder radikal in Richtung Klamauk gelenkt wird. Es wird also durchaus einiges in Bewegung gesetzt, um die diffuse Bedrohung aus der Anonymität hinaus per Fingerschnippen in handfeste Horror-Action umzuwandeln. Allerdings lässt sich „Monster Man“ unter dem Strich trotzdem etwas zu viel Zeit, um zum Wesentlichen zu kommen.
Das bringt Davis in die Verlegenheit, sich intensiv mit seinen drei Hauptfiguren auseinandersetzen zu müssen, welche nur leider den Makel in sich tragen, durch und durch aus substanzlosen Klischees geformt zu sein. Es ist so, als würde man einen Scherenschnitt mit vorgehaltener Pistole dazu nötigen, in die dritte Dimension vorzustoßen. Das Niveau pendelt irgendwo zwischen Todd Phillips „Road Trip“ (2000) und Kevin Smiths „Chasing Amy“ (1997), ohne aber je den Event-Charakter des einen oder die Charaktertiefe des anderen zu erreichen. Wenn sich Adam und Harley über ihre Gefühle und Bedürfnisse unterhalten, hat man das Gefühl, zwei Primaten dabei zuzuschauen, wie sie sich mit hektischen Laufbewegungen aus einem Treibsandtümpel zu befreien versuchen und stattdessen immer weiter reinreiten. Aimee Brooks, die Joey Lauren Adams aus „Chasing Amy“ optisch tatsächlich sogar ein wenig ähnelt, befeuert das Spektakel auch noch, indem sie sich wie eine Übungspuppe im Christina-Aguilera-Outfit für eine Selbsthilfegruppe von einsamen Männern mit unterdrückter Sexualität verhält, nicht anders im Grunde als Shannon „Austauschstudentin Nadia“ Elizabeth in „American Pie“.
Und während man sich so fragt, wann Mr. Monster das völlig hilflose Geturtel wohl endlich rüde beendet, sammeln sich im Hintergrund weiter fleißig die Vorzeichen. Backwood-Horror-Eindrücke machen sich zunehmend breit und deuten an, dass sich das Trio langsam zum saftigen Kern vorarbeitet, als sie in Kneipen landen, deren Gäste allesamt mindestens eines ihrer Gliedmaßen vermissen. Und wehe, man bestellt hier einen Eintopf!
Michael Bailey Smith, der schon als „Super-Freddy“ in „Nightmare on Elm Street 5“ zu sehen war, darf dann aber doch irgendwann als fies vernähtes Blubbergesicht mit toten Fischaugen zur Rampensau werden und legt zum Auftakt mit ein paar Monster-Truck-Stunts los, die zwar ein wenig schlampig geschnitten sind, aber zumindest einen eklig-komischen Höhepunkt zur Folge haben, den wahrscheinlich jeder Clown schon mal als Alptraum hatte, der sich mal zur Unterhaltung des Publikums mit Dutzenden anderer Clowns in ein Auto quetschen musste.
Das Finale in einem Geisterstadt-ähnlichen Ambiente bietet dann endlich die erhoffte Entladung des bis dahin angebauten Staus. Nicht nur werden hier einige Plotknoten entwirrt und erwartbare Twists aus dem Zylinder gezogen, auch wird interessanterweise schon mal die fiebrige Nuclear-Holocaust-Atmosphäre des hochgelobten „The Hills Have Eyes“-Remakes vorweggenommen, das erst drei Jahre später entstand – wieder mit Michael Bailey Smith in der Rolle eines Mutanten. Ein paar Minuten lang hat der Zuschauer Zeit, eventuell existierende Gore-Triebe mit ganzer Kelle auszuschöpfen, wobei das Parody-O-Meter bisweilen nach oben hin ausschlägt, wenn eine Gestalt mit weggefetzter Bauchhöhle zum lästigen Kommentator mutiert, der selbst unserem eloquenten Sidekick zeigt, wo der singende Fisch an der Wand hängt. Auch zeigen sich Anzeichen der frühen CGI-Krankheit, wenn das Innereien-Gewabbel im Laufgang per Computer animiert werden muss, auch wenn ansonsten zum Glück die guten alten Prothesen zur Anwendung kommen.
„Monster Man“ ist weder originell geschrieben noch besonders lange sättigend, was den Gore- und Action-Anteil angeht, was auch an dem extrem langen Anlauf liegt, bis es endlich mal zur Sache geht. Tempo und Unterhaltungsfaktor stimmen trotzdem einigermaßen, außerdem atmet jede einzelne Minute den inzwischen verloren gegangenen Zeitgeist der frühen 00er Jahre. Auf diese Art werden Horrorkomödien heute einfach nicht mehr gedreht. Ob das einen guten Grund hat, darf nun jeder für sich entscheiden.