Der dritte der zur „Kammerspiel-Trilogie“ zusammengefassten Filme des schwedischen Filmemachers Ingmar Bergman („Die Zeit mit Monika“) ist der ehemalige Skandalfilm „Das Schweigen“ aus dem Jahre 1963, der eigentlich ein depressives Drama ist.
In einem heißen Sommer reisen die Schwestern Anna (Gunnel Lindblom, „Licht im Winter“) und Ester (Ingrid Thulin, „Malastrana“) zusammen mit Annas Sohn Johan (Jörgen Lindström, „Nachtspiele“) durch ein fremdes Land, das sich für kriegerische Auseinandersetzungen zu präparieren scheint. Aufgrund des schlechten Gesundheitszustands der lungenkranken Ester unterbricht das Trio seine Reise und steigt in einem Hotel ab. Während Johan die langen Gänge erkundet und auf eine Gruppe kleinwüchsiger Kleinkünstler trifft, raucht, trinkt und masturbiert die frustrierte Ester, bis sie einen Hotelangestellten kennenlernt, mit dem sie anbandelt. Anna wandelt rastlos durch Kneipen und Clubs auf der Suche nach unverbindlichem Sex, den sie schließlich mit einem Kellner in einer Kirche hat. Als es Ester wieder besser geht, arbeitet sie an Übersetzungen. Ihr Zustand verschlechtert sich jedoch, als Anna ihre Bekanntschaft mit ins Hotel bringt…
Zum Titel passend dialogarm und in depressiven Schwarzweißbildern erzählt Bergman eine Geschichte, die keinen richtigen Anfang und kein entsprechendes Ende zu haben scheint. Der Ort, an dem die Reisenden ihren Halt machen, wird nicht näher definiert, die Sprache der Einheimischen ist unverständlich. Vermutlich soll es sich um einen Staat des Warschauer Pakts handeln. Die seinerzeit, immer noch ein paar Jährchen vor Ausbruch der sexuellen Revolution, skandalösen Sexszenen sind rein visuell nicht der Rede wert und weit von pornographischer oder auch nur selbstzweckhafter Darstellung entfernt. Ein paar nackte Brüste und angedeuteter Beischlaf, das war’s im Grunde genommen. Doch der Kontext, in dem hier unehelicher Sex stattfindet, wog vermutlich noch wesentlich schwerer. Bar jeder erotisierenden Darstellung ist er vollkommen ungeeignet, auf das Publikum stimulierend zu wirken, was Bergman auch nie intendiert haben wird – wer sich Derartiges von „Das Schweigen“ verspricht, sei gewarnt. Um es kurz zu machen: Was mir als mit seinem Œuvre kaum vertrauten Zuschauer Bergman mit seinem Film sagen will, erschloss sich mir nicht, ich fand keinen Zugang, empfand die düstere Schwermut des Films, der rein atmosphärisch sicherlich sämtliche Register zieht, als unangenehm. Das Verhalten der Charaktere schien mir nicht nachvollziehbar, die einzelnen Szenen gar zusammenhanglos, beinahe surreal.
Anschließende Recherchen förderten jedoch einen hochinteressanten Artikel Andreas Thomas‘ auf filmzentrale.com zutage, der den Film detailliert analysiert und interpretiert. Es scheint sich um einen symbol- und metapherreichen Spielfilm zu handeln, der voll Freud’scher Sexualpsychologie steckt, sich mit dem gestörten Verhältnis zur eigenen Person, insbesondere des eigenen Sexualtriebs, auseinandersetzt und möglicherweise in Anna und Ester das Es und das Ich des Strukturmodells der Psyche darstellt, das nach dem Wegfall eines autoritären, aber trügerische Sicherheit versprechenden Über-Ichs (der Vater der Schwestern ist gestorben) auf sich allein gestellt ist und die negativen Folgen frommer christlicher Erziehung aufzeigt.
Das klingt durchaus schlüssig und spannend, jedenfalls spannender, als sich mir der Film während meiner unbedarften Erstsichtung darstellte. Nun weiß ich aber auch, weshalb mir der Zugang fehlt, denn glücklicherweise ist meine Sozialisation nicht vergleichbar mit der des Pastorensohns Bergmans und seiner Charaktere in „Das Schweigen“. Oder anders: Gott sei Dank bin ich Atheist!