Review

Sexfilm, Meisterwerk, Publikumshit

Ich glaube zu „Das Schweigen“ aka „The Silence“ aka „Tystnaden“ fangen viele Rezessionen, gerade im deutschen Raum, so an. Aber man muss diesen unfassbaren Fakt einfach einbringen und sich auf der Zunge zergehen lassen: das war '64 der erfolgreichste Kinofilm des Jahres hierzulande. Mit fast 12 (!) Millionen Zuschauern übertraf er alles bisher Dagewesene für Bergman, lockte doppelt (!) so viele Zuschauer ins Kino wie James Bond in seiner Sturm & Drang-Phase. Das ist schlicht unglaublich. Das spricht Bände. Das ist auch heutzutage noch eine echte Marke. Klar, auch seine teilweise Vermarktung als Erotikfilm erschloss neue Zielgruppen, Neugierige und Zuschauerregionen. Und Bergman war zu dem Zeitpunkt bereits mit Nachdruck ein heftiger Qualitätsstandard. Und es handelt sich um ein Meisterwerk ohne viel Dialoge. Doch hier muss dennoch irgendwie ein perfekter Sturm zusammengekommen sein in diesem Jahrgang, um das auch nur ansatzweise zu ermöglichen und erklären. Denn es bleibt europäisches Arthouse, dass normalerweise nicht in diese Regionen vordringt… Erzählt wird von zwei Frauen und einem kleinen Jungen, die per Zug in ein drückend heißes, unbenanntes europäisches Land reisen, dass sich scheinbar passend zur Hitze auch noch auf einen Krieg vorzubereiten scheint. Und da eine der Frauen zudem noch totkrank zu sein scheint, erhitzen sich die Gemüter auch ohne große Worte und Aussprachen schell…

„Das Schweigen“ ist ein dermaßen vielsagendes Werk, sodass in ihm einfach kaum gesprochen werden muss. Bergman, Nykvist und Co. sind hier auf der Höhe ihrer Kunst, ihrem Zenit und dem Maximum ihrer Schaffenskraft. Und man kann und will seine Augen einfach nicht von der Leinwand und den schwitzenden Schicksalen lassen. Die aufgehende Sonne und die vorrückenden Panzer, die Schattenspiele, Scherenschnitte und Winkel des Hotels, die Liebschaften und die Mutterliebe, der Glaube und die Abwesenheit dessen. Bergman kann einem in 100 Minuten mehr beibringen als ganze Semester an der Filmschule, als zerbrochene Ehen oder strenge Eltern. „Das Schweigen“ ist schlicht und ergreifend schmerzhaft schön. Die volle Ladung, die volle Packung, die volle Punktzahl. Orgiastisch und originell. Sexy und schweißnass. Schwedisch und europäisch. Ein Kompass für jeden Kinofan und alle Meisterregisseure, die folgen sollten. Selbst solche Legenden wie Kubrick, Nolan oder Villeneuve. „Das Schweigen“ hinterlässt mich begeistert und sprachlos. Er ist der beste Film der „Silence“-Trilogie. Er ist einer der besten Filme, die ich je gesehen habe. Er ist vielleicht Bergmans bester Film. Jedenfalls die Sahne auf der bergman'schen Torte. Bergman pur und konzentriert. Keine Minute überflüssig oder fettig. Das Ticken einer Bombe. Der reißende Lebensfaden. Das Glühen einer Zigarette. Das Kreisen der Hüfte. Das Dröhnen des Mittelmeers. Das Jucken des Kitzlers. Die Sinnlichkeit der drohenden Vernichtung. Ja, auch ich wäre Mitte der 60er glaube ich mehrfach in diesen Meistermonolith von Film gegangen. Oder hätte mich als Jugendlicher hineingeschlichen. Da gehen einem nämlich die Augen über… 

Fazit: Bergmans erfolgreichster Film (zumindest in Deutschland!) ist gleichzeitig auch einer seiner besten, provokantesten, kraftvollsten. Wenig Worte, viel zu sagen. Wegweisend. Eine Macht. Eine Lehrstunde. Krieg, Horror, Sex, Angst, Hoffnung. Alles drin, alles dran. Massive Inspiration für Kubricks „Shining“ - größer geht’s also nicht. Absolutes Kino. 

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