Die Toten können scheinbar keinen Schimmel ansetzen
Es gab Zeiten, da hatte Tim Burton gute Karten auf einen Platz bei meinen All-Time-Top 5-Regisseuren. Seine beiden Fledermausmannfilme, wunderbare Geschichten wie „Big Fish“ und auch Horrornäheres wie „Sleepy Hollow“ oder gar ein geniales und sehr persönliches Biopic wie „Ed Wood“ - der Mann hatte Stil genauso wie Vision und Gefühl, dazu war er immer glasklar dem Genre und Abseitigen zugewandt. Sympathischer geht’s kaum. Doch dann ging seine Magie irgendwie in den Irren und Wirren Hollywoods verloren. Seine Wanderausstellung habe ich vor ein paar Jahren immer noch gerne (in Köln) besucht, da er gerade visuell einfach einzigartig bleibt und sein Lebenswerk, seine Storyboards und Ideen es wert sind. Aber neue Filme und Produktionen von ihm waren mir meist traurig egal. Obwohl er mit „Wednesday“ ja immerhin als Produzent einen Überhit im Streaming landen konnten. Ich dachte trotzdem echt, seine Zeit wäre vorbei… Und jetzt kommt „Beetlejuice Beetlejuice“ grimassenschneidend um die Ecke und ist fast so gut wie sein Original. Diese Wette wäre ich vorher nichtmal für zwei Euro eingegangen. Dass späte Sequels a la „Top Gun: Maverick“ dermaßen gut funktionieren ist ja doch eher die Ausnahme statt Regel. Aber „Beetlejuice 2“ schafft dieses gerne gesehene Wunder. Der süßeste Spätsommerblockbuster seit langem. Und eine wirklich würdige, natürliche und launige Fortsetzung all die Jahrzehnte später. Egal ob Burton nun „back“ ist oder das ein strahlender Ausrutscher nach oben war - „Beetlejuice Beetlejuice“ ist zwar sicher nicht perfekt, hat mich aber über alle Backen grinsen lassen. Handlung: im Jenseits macht die seelensaugende Ex-Frau Jagd auf Beetlejuice und im Diesseits gilt es eine verlogene Hochzeit aufzuhalten - passt doch gut zusammen für einen gruselig-chaotischen Musical-Showdown, oder?!
Bride of Beetlejuice
„Beetlejuice Beetlejuice“ fühlt sich als Fortsetzung sehr organisch und logisch an. Seinem Erbe treu, dennoch neu. Ungeniert, ungezwungen, unverfälscht. Burton pur, wie sein Genie sie schuf, die Mutter Natur. Obskur, grotesk, anders. Er war schon immer Außenseiter - und damit kann er wohl mittlerweile hervorragend leben. „Beetlejuice Beetlejuice“ reißt erzählerisch oder charakterlich ganz sicher keine Bäume aus, das tat auch das Original nicht, und keiner der mehreren Handlungsstränge wird mir allzu lange im Gedächtnis bleiben. Aber die Stimmungen und Sets, die Farben und Formen, die Lichter und Gesichter, die Masken und Gags, die Monster und Madness - die werden ganz sicher bei mir hängen bleiben. Und das bis zu verrückten Nebenfiguren wie Dafoes Polizeichef/Schauspieler oder Wiederkehrern wie Schrumpfkopf Bob. Alte Garde und Neuankömmlinge fließen glaubhaft ineinander, Burton dreht ganz wundervoll frei in den richtigen Momenten. Da bringt er eine Energie und Dinge, die sich sonst so wohl kein anderer mit diesem Budget und Erbe in Hollywood trauen würde. Stopmotion-Sequenzen, Musicals (der „Soultrain“ samt Bahnstation ist ein Geniestreich), bava'eske Schwarz-Weiß-Rückblenden, Insidergags, all-out Horror, fies-fröhliche Monsterbabies, bodenloser Slapstick. Das ist sprunghaft, lose und manchmal auch wirr. Das schert sich um fast nichts. Und das ist genau gut so. „Beetlejuice Beetlejuice“ ist für mich eine der positiveren Überraschungen des Kinojahres. Und ein Nostalgiefest, das nahezu durchgängig funktioniert.
Jemand hat die Hochzeitstorte im Säureregen stehen lassen
Fazit: „Beetlejuice Beetlejuice“ gehört zur raren Spezies der sehr soliden bis starken späten Sequels. Alles macht wunderbar unreif, frech, unberechenbar und makaber Laune. Keaton hat Bock, Burton kann’s noch, Elfmans Score ist noch immer groß, Ortega zieht eine neue Generation. Die Sets, Masken und Hommagen sind herrlich weird und handgemacht. Die Geschichte ist super oberflächlich und flach, aber sei’s drum. Das ist ein herbstliches Halloweenhurrah in Filmform. Willkommen zu dieser wilden und whacky Schauershow!