Um sich selbst neu zu erfinden, muss man manchmal alles auf Null setzten. Das scheint einerseits auf die Vorgehensweise des argentinischen Regisseurs Luis Ortega zuzutreffen, als auch auf die Hauptfigur seiner Erzählung.
Eigentlich ist Remo ein erfolgreicher Jockey in Buenos Aires. Doch seit einiger Zeit befindet er sich auf einen eskalierenden Selbstzerstörungstrip mit Drogen und Alkohol, von dem ihm selbst seine schwangere Freundin Abril kaum abhalten kann. Hinzu kommt der Druck durch Mafiaboss Sirena und so bleibt Remo nur die Möglichkeit einer radikalen Wandlung…
Der Stoff lässt sich alles andere als eindeutig kategorisieren. In erster Linie ist er Arthouse-Stoff mit Tendenz zum mäandernden Plot ohne dramaturgischen Bogen, hinzu kommen Elemente einer Sport-Satire, Aspekte eines Mafia-Films und eben ein Selbstfindungsdrama um Hauptfigur Remo.
Jener wirkt in seinen besten Momenten wie eine Mischung aus Buster Keaton und Mr. Bean wenn er im späteren Verlauf mit Turbanverband am Kopf und Pelzmantel eher ziellos durch die nächtlichen Straßen läuft und sich zwischenzeitlich Dolores nennt. Die Waage in der Apotheke zeigt bei ihm kein Gewicht an, - die Metamorphose zwischen Himmel und Hölle scheint bereits im vollen Gang zu sein, - untermalt von einer Militärkapelle, die plötzlich aus dem Nichts kommt und genauso wieder verschwindet.
Ohne diese grotesken und teils humorvollen Einschübe wäre der Stoff aufgrund seiner Ziellosigkeit kaum zu ertragen. Obgleich es gegen Ende noch zwei, drei Rennen gibt, konzentriert sich die Chose auf seine episodenhaften Stationen, welche stets mit leicht surreal anmutenden Bildern angereichert werden. Hinzu gesellt sich ein Score zwischen 70er und 80er Disco und Schlager, der ebenso zwischen schwungvoll und penetrant schwankt wie einige Kameraperspektiven, - spätestens, wenn mal wieder eine Nahaufnahme zuviel bemüht wird.
Die starke und gleichermaßen zurückhaltende Performance von Hauptdarsteller Nahuel Pérez Biscayart reicht letztlich nicht aus, um mit seiner Figur emotional anzudocken, zumal ihr stets willkürlich anmutende Facetten beigemengt werden. Geschlechterzugehörigkeiten spielen da ebenso wenig eine Rolle wie einige Gesetze der Schwerkraft.
„Kill the Jockey“ bleibt ein exzentrischer, verschrobener Trip, den in erster Linie Kunstfilmliebhaber schätzen werden. Manche Szenen bleiben zwar hängen, doch der Gesamteindruck gleicht dem eines beliebigen Kuriositätenkabinetts.
Knapp
5 von 10